Across no borders – riding & pushing the GST. Part #1.

 

Freiheit ist Hingabe.

–  Hingabe an eine selbstgewählte Idee.

Jean-Jacques Rousseau

 

Noch ein paar Schritte. Langsam schiebe ich das Rad durch den tiefen Sand, ächzend, mehr recht als schlecht. Mein Handy ist auf Flugmodus, niemand wird mich erreichen können, so wie schon in den letzten vergangenen Tagen nicht. Dieser Moment – bleibt voll und ganz still, gehört voll und ganz mir. Ich bin mit mir und dem Rad allein – wir sind eins, wie schon in den vergangenen Tagen, den vergangenen Stunden. Die Menschen um mich herum nehme ich kaum wahr, ich blende sie aus, konzentriere mich nur darauf, gerade wirklich anzukommen. Ich setze einen Fuß vor den anderen, Richtung Meer. Schiebe mein Rad bis hin zur Infotafel, auf der die Bedeutung des Priwallstrandes für die ehemalige innerdeutsche Grenze niedergeschrieben ist. Lehne es dort an, sinke zu Boden, setze mich und schaue raus, aufs Meer. Realisiere, atme, grinse.

 

 

Ich habe es geschafft. 1277 km liegen hinter mir. 1277 km Einsamkeit liegen in mir. 1277 km hartes erfahrenes Brot erreichen heute ihr Ende. Ich bin dankbar.

So unfassbar dankbar.

 

Doch in diesem Moment, am Ende der Tour, bin ich nicht angekommen, um zu bleiben. Ich bin nicht angekommen, um es zu beenden. Ich bin hergekommen, um von hier aus weiterzumachen. Weiterzuziehen. Mit dem Gesicht in der Sonne & diesen ganzen Erinnerungen im Herzen. Ich bin hergekommen, um Abstand zu finden. Um es loszulassen. Was im Jetzt & Hier, doch irgendwie immer wieder einfach nur das Schwerste ist. Es ist leise. Stumm. Kaum hörbar. Nicht sichtbar. Und dennoch. Ist es einfach irgendwie & immer noch hier & vollends da.

 

Angekommen. Um Weiterzumachen.

 

Ich gehe ins Meer, schwimme nicht wirklich, sondern bade viel mehr meinen ganzen Schmutz, Schweiß und all die Dornenbüsche aus meiner Haut. Komme raus, schalte mein Handy an und werde schon von meinem ersten verpassten Anruf begrüßt. Es ist Daniel, der mir zur erfolgreich gefinishten Grenzsteintrophy gratulieren will.

Daniel – die Person, mit der dieser ganze Spaß überhaupt erst anfing…

 

Zurück zum Start – also dahin, wo alles anfing.

 

Als Daniel mich auf die Grenzsteintrophy aufmerksam machte, hing ich noch mitten in meinen alten Plänen meines Heimattriples. Die außergewöhnliche Zeit der Quarantäne und der geschlossenen Grenzen, der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und der unterbundenen Sozialkontakte war noch undenkbar – und es sollte noch mehrere Wochen und einige einschneidende Ereignisse in meinem Leben brauchen, bis er mich endlich überzeugen konnte, dass es in diesem Jahr für mich die GST sein „musste“.

 

Je mehr ich mich mit den Hintergründen dieser Selbstversorgerbikepackingtour befasste, desto mehr packte mich diese und desto mehr begann ich, einen tieferen Sinn darin finden zu können.

 

Bevor dieser ganze Spaß überhaupt erstmal anfangen konnte, stand natürlich erstmal der übliche Wahnsinn an. Kaputter Bulli, nicht gelieferte wichtige Bestellungen, eine ungeplante OP und somit ein längeres Außergefechtsein vom Radeln und die weiteren üblichen Dinge, die einen irgendwie von dem abhalten, was man gerade eigentlich tun sollte: Den Fokus auf das zu richten, was vor einem liegt. Sich darauf vorzubereiten, was da kommen wird. So gut es eben geht. Schon Wochen vor dem Start einer Tour fange ich jedes Mal aufs Neue an, mich mental darauf einzustellen. Ich fahre schon in Gedanken Platte, obwohl ich sie noch nie gefahren bin und ich sie eigentlich gar nicht visualisieren kann. Ich träume von schlaflosen Nächten – davon, dass ich morgens um 4 Uhr auch bei Kälte aus dem Schlafsack kriechen muss. Träume davon, auch bei Regen morgens wieder in die nassen und klammen Radklamotten zu steigen.

 

Denke daran, wie es ist, trocken zu fahren, unter Hunger zu fahren, sich mental nur auf das zu beschränken, was gerade wirklich wichtig ist und wirklich zählt:

die nächsten & immer wieder darauffolgenden Kilometer.

 

Aufbruchslosziehstimmung am Bulli.

 

Ich bin also wirklich froh, als es endlich losgehen kann. Mit den letzten gepackten Sachen steige ich am Tag vor dem Start in den Bulli – & kann endlich losfahren. Auch wenn es vermeintlich sehr umständlich ist, mit dem Bulli zum Start im Dreiländereck bei Mittelhammer anzureisen, ist es doch für mich in diesem Moment das Beste, was ich machen kann. Aufgrund mangelnder Zeit muss ich das Rad noch am Abend vorher final packen und so habe ich noch alles im Bulli vor Ort, um es auch in Ruhe zu machen. Außerdem würde ich nach dem Ende der GST gerne an deren Startort zurückkehren, um die Tour richtig realisieren zu können, um ganz langsam wieder zurückzukommen.

Der Bulli wird für die Zeit meiner Tour beim Gasthof Raitschin in Regnitzlosau sein Plätzchen haben – schon vorab hatte ich hier für ihn einen sicheren Platz ausfindig gemacht und ich bin froh, ihn nicht im Nirvana alleine stehen lassen zu müssen.

 

Für den Abend vor dem Start kann ich dort also noch einen richtigen Stellplatz nutzen und treffe hier auch bereits einige Mitfahrer der GST, die ebenfalls im Gasthof unterkommen oder hier ihr erstes Camp aufschlagen. Nach dem finalen Packen meines Beyonds, einem guten Picknick und den ersten Schnakks mit den zukünftigen Mitradl(leidens?)genossen falle ich irgendwann müde in den Bulli – und schlafe bis morgens wie ein Stein.

 

Morgens dauert es bis zum Frühstück noch eine gefühlte Ewigkeit, als ich um 5 Uhr wachwerde und nicht mehr schlafen kann. Bis zum Start dauert es dann aber noch eine gewaltige und reale Ewigkeit – denn aufgrund der Coronaumstände werden wir zeitversetzt starten und mein Start wird erst um 10 Uhr stattfinden. – Also erst in 5 Stunden!

 

– Und wie gerne würde ich schon längst am Rad sitzen und unterwegs sein!

 

Gott sei Dank werde ich im Nachhinein etwas früher als geplant losziehen können. Nach den obligatorischen Startfotos durch Gunnar Fehlau, dem Gründer & Kopf der Grenzsteintrophy und quasi Trommelwirbel geht es endlich los. Mein Track hat noch nicht vollends geladen und ich fahre – natürlich – erstmal in die falsche Richtung – what else! Gunnar ruft mir zu „Es geht links rum“, ich wende, rufe ihm noch etwas von wegen „Selfsupported“ zu und verschwinde im ersten Dickicht. Puh. Erstmal Luftholen. Mich machen viele Menschen und ein Start unter mehreren Augen immer nervös. Ich mag es nicht, beobachtet zu werden, vielleicht ins Zweifeln mit meinem Setup zu kommen, mag es nicht, nicht einfach allein mit mir und meinem Rhythmus sein zu können.

 

Ab auf die Platte!

 

Doch jetzt, endlich, werde ich ja Zeit dafür haben. 1277 km Zeit genug, um in Ruhe mit mir und dem Kurbeln und Pushen sein zu können. Und das Pushen – lässt nicht lange auf sich warten. Schon die erste Rampe auf der Platte holt mich schnell vom Rad runter. Mir hallen die Worte von Daniel in den Ohren „Leicht, stetig, langsam – so fährscht die GST!“

Stetig und langsam – bekomme ich hin. Leicht – eher nicht so. Mein Beyond ist aus Stahl und bringt schon ein gutes Eigengewicht mit sich. Mein Gepäck ist dafür gewappnet, auch einige Tage nur aus meinen Taschen leben zu können, inklusive dem Kocher. Ich bin also prinzipiell schon minimalistisch unterwegs – doch auch nur bis zu einem gewissen Grad.

Und Naja – alleine schon durch ein gutes Kilo Nüsse alles andere als leicht also.

 

Plattenstart.

 

Ich lerne schnell, was es heißt „Platte“ zu fahren. Oder vielleicht auch nicht. Mittelsteg, Mittelsteg, Dudum, Dudum. Manchmal flowt es und manchmal knalle ich nur von einem Plattenloch ins nächste. Wenn ich sage „Platte fahren”, dann meine ich damit den alten Kolonnenweg der NVA – dieser besteht aus hohen Betonplatten, jeweils rechts und links auf einem Weg verlegt mit einem Streifen aus Wald- oder auch Sand, Schotter, was auch immer – Boden dazwischen. Diese Platten bestehen aus Beton – und haben Löcher. Löcher, die gerade so breit sind, dass Fahrradreifen gerne dazu neigen, genau hineinzupassen. Am besten dann, wenn die Löcher ausgewaschen und ausgefranst sind. Die Platten können optimal sichtbar sein – oder eben auch total zugewuchert. Man fährt (oder läuft) dann auf der Platte, ohne sie zu bemerken. Meistens tut man es dann, wenn man rechts oder links an ihrer Seite ihr Ende nicht sieht und quasi von ihr runterfällt. Wem es schwerfällt, sich die Platte vorzustellen – die folgende Bilderreihe beschreibt es wahrscheinlich am allerbesten:

 

Plattenimpressionen.

 

Ich gebe zu – meine Bereifung ist nicht die Plattenidealste. Vorne 2.2 Zoll und hinten 2.1. – empfohlen werden mindestens 2.2. und ich könnte mir sehr wahrscheinlich breitere Reifen herbeisehnen. Waren nur jetzt eben nicht mehr machbar und daher mache ich das Beste draus. Ich kann es ja doch nicht mehr ändern.

Die Platte fordert alle Konzentration, lässt einen schnell alles andere vergessen und irgendwie finde ich sogar Gefallen daran und an ihr, denn ich mag es ja, sowohl körperlich als auch mental so gefordert zu werden.

 

Der Gefallen hält jedoch nur solange an, wie die Platte ihre Löcher noch halbwegs verwachsen hat, sie sichtbar, aber fahrbar sind. Abschnitte, bei denen die Platte unter ihrem Bewuchs verschwindet, man sie nicht mehr ausmachen kann, man blind auf ihr fährt und sie einen plötzlich unter den Rändern verlässt, man 20 cm neben ihr in der Tiefe weiter im Gestrüpp landet – Abschnitte, bei deren die Löcher der Platte so tief und ranzig und ausgewaschen sind, das man förmlich darin verschwinden könnte. Abschnitte, bei denen die Platte alle Kraft und Nerven kostet. Bergauf, bergab, in der Ebene, in Kurven, im Gestrüpp, in Dornen, in Brennnesseln.

 

Es sind jene Abschnitte, auf denen man im besten Falle nichts mehr hinterfragt und schon gar nicht mehr ankämpft – gegen diese Platte – sondern sie annimmt, akzeptiert, sie nimmt und fährt, wie sie eben ist und auch noch kommen wird.

Es dauert bis zum Nachmittag, als die ersten 60km gemacht sind. Bis hierher zeigte die GST schon ihr ganzes Gesicht und machte einem klar, mit was man es auf den noch folgenden 1217 Kilometern zu tun haben würde: verdammt harter Arbeit. Zum ersten Mal lernte ich Steigungen mit über 30% kennen. Steigungen, die man sich und sein Rad auf den Betonplatten hochzuwuchten hatte – es gab nur noch ein Vor, niemals ein Zurück.

Die Platte war mit den Klicks unter den Schuhen oftmals glatt wie Schmierseife und es wurde ein ziemlicher Act, sich in die Löcher zu verkanten, um Halt zu finden und den nächsten Push bergauf zu schaffen, ohne hoffnungslos mitsamt dem bepackten Rad wieder bergab zu rutschen.

 

Plattenwegesrand.

 

Irgendwann am Nachmittag begrüßt mich ein besonderes Stück Platte – ausgewaschen, verfranst, hart zu fahren. Mit zweien meiner Mitstreitern kämpfe ich Seite an Seite um jeden Meter. Wir ächzen ziemlich und fragen uns, wie das wohl enden soll, wenn das so weitergeht.

Und in der nächsten Sekunde darf ich mich fragen, ob es überhaupt für mich weitergeht, denn ein seltsamer Ton begleitet mich plötzlich und macht mir schnell klar, dass irgendetwas an meinem Rad ganz und gar nicht stimmt. Es braucht eine Weile, bis wir herausfinden, was es ist.

Die Eckstrebe meines Rahmens und die Verbindung zum Rahmenschloß hängt durch: Die Schrauben, die es hier am Ausfallende verschließen, sind gebrochen. Während ich keine Ersatzschrauben dabei habe (im Geiste vervollständige ich genau in jenem Moment mein Ersatzteillager), können die Jungs mir mit jeweils einer Schraube aushelfen. Es ist ein ziemlicher Aufwand, bis wir die durchgebrochenen Schrauben aus den Gewinden befreit haben und vor allem auch, bis wir die mehrfach im Plattengras verschwindenden Muttern wiederfinden.

 

Es dauert weit über eine Stunde, bis alles wieder provisorisch fix ist und ich danke den Jungs auch hier nochmals von Herzen für ihre Hilfe und die Schrauben, die sie mir gelassen haben. Ohne diese hätte ich die Tour so, wie ich sie dann finishen konnte, nicht weiter fortführen können.

Die ersten Kilometer, die wir weiterradeln, bin ich noch skeptisch. Ich glaube nicht daran, dass die Schrauben standhalten werden, sind sie doch eigentlich nicht für diesen Teil des Rades gemacht worden. Mein Rad knackt unter jeder Druckbelastung – ich halte lange erstmal den Atem an. Ich werde erst ruhiger, als ich mein Ersatzteillager durch passende Schrauben und Muttern am nächsten Morgen in einem kleinen Autohaus in einem verlassenen Ort im Thüringer Wald aufstocken kann. Jetzt könnte ich wenigstens die Schrauben austauschen, sollten sie nochmals der Belastung nachgeben.

 Ich bin nun also gefühlt gewappnet für weitere 1217 km auf der Platte – weitere harte 1217 km Erschütterungen, Zerreißungen und Bestandsproben ohne Ende.

 

 

Plattengrinsen – & weitermachen.

 

Ich versuche am Abend noch die verlorene Zeit rauszufahren und bin bis halb zwölf unterwegs. Anstatt oberhalb vom Örtchen Probstzella einen schönen Biwakplatz zu nehmen, entscheide ich mich in der Dämmerung dazu, noch weiterzumachen und das 2 km entfernte Biwak zu erreichen, das mir in der Karte meines Garmins angezeigt wird. 2 km – die auf der plötzlich wieder steil ansteigenden Platte im dunkelsten Nirgendwo einfach nur endlos werden können – und ich schnell mal wieder dazulerne.

Es ist ziemlich duster und ich stapfe und falle über die nächtliche Platte, immer weiter steil bergauf. Als ich endlich auf einer langen Ebene den wirklich schönen Biwakplatz erreiche, schaffe ich es nur noch, meine Katzenwäsche zu erledigen, einen Schwung Nüsse, Parmesan und Brötchen zu futtern und mich auf einem der Holztische häuslich zum Schlafen einzurichten. Zwar könnte es mit einer Isomatte (die nicht zu meinem Schlafsetup gehört) vielleicht um einiges weicher sein – doch ich schlafe dennoch auf dem harten Holz wie ein Stein ein – bis mich eben morgens um 4 Uhr die Dämmerung sowie der Wecker wieder aus den Federn reißen.

 

5 Uhr in der Früh und ich stehe wieder auf der Platte.

 

Es hat mich schon etwas an Zusammenreißen gekostet, in meine vom Tau und der Nässe eiskalten Klamotten zu steigen und raus aus den warmen zu schlüpfen. Wie oft habe ich es schon visualisiert – und wie schwer fällt es mir dennoch immer wieder aufs Neue. Der ganze Körper zieht sich zusammen, als der klitschnasse und kalte Stoff die Haut berührt. Kurz Luft anhalten. Atmen. Schnell ab und aufs Rad springen, um möglichst schnell wieder warm zu werden.

 

Plattenearlybird & Breakfast on the run.

 

Ich radle los, auf der Platte, durch dicken Nebel und sanften Tau, der noch kalt und feucht vom Boden aufsteigt. Fast vergesse ich die gebrochenen Schrauben. Aber nur fast. Mir liegt es im Magen, keinen Ersatz zu haben und ich fahre mit diesen Steinen im Bauch durch die ersten langen Kilometer im Nirgendwo. Nach einigen Stunden spuckt mich die Platte in einem kleinen Dorf aus – die erste Suche nach Wasser auf dem ansässigen Friedhof scheitert schon mal, denn es gibt nur ein Regenbassin als Wasserreservoir und ich fahre suchend und durstig weiter. Am Ortausgang komme ich plötzlich an einem Autohaus vorbei – versuche hier mein Schraubenglück und werde fündig: Aus zwei riesigen Kisten kann ich hier mein Ersatzteillager aufstocken und fülle meinen Geldbeutel also mit Schrauben in allen Variationen inklusive passenden Muttern. Ich fahre dankbar und fürs erste beruhigt weiter. Sollte jetzt nochmal was brechen, würde mir zwar immer noch das optimale Werkzeug zum Fixen fehlen – aber Hej, ich hätte wenigstens schon mal gescheite Schrauben mit im Gepäck!

 

Es geht weiter durchs Niemandsland. Endlosen Thüringer Wald. Endlose Schiebepassagen über die Betonplatte. Es herrscht Einsamkeit – wundervolle Einsamkeit. Nichts und niemand stört mich hier gerade – bis auf meine langsam schwindenden direkt zu verzehrenden Vorräte bzw. meine Lust auf einen Kaffee, was Warmes zu trinken und vielleicht etwas Gutes zu Essen von einem Bäcker. Immerhin bin ich morgens ohne den Kocher anzuschmeißen losgezogen – irgendwie hätte ich diesen mal wieder getrost zu Hause lassen können, denn ich werde auf der gesamten Tour nur einmal die Ruhe finden, um meinen extra vorher so schön zubereiteten Couscous dann auch mal zu kochen.

 

Zu sehr bin ich mal wieder im Tunnel, bestehend aus Schlafen & Radeln, als dass ich mir noch groß Zeit für meinen Kocher nehme. Schon nach zwei Tagen pendelt sich mein Essensschema auf Kuchen im Rucksack und in der Rahmentasche gequetschte Laugencroissants mit Parmesan, Gurke & Salz ein. Ein Essen, das nicht nur schnell satt, sondern auch ziemlich glücklich macht und mein morgendliches Porridge wunderbar ergänzt. Mal wieder ist es ganz simpel diese Einfachheit, die mich unterwegs so glücklich macht und diese zieht sich hier durch alle Ebenen.

 

Plattenbewuchs.

 

Ich fixiere Neustadt bei Coburg an – hier soll es zum nächsten Mal die Gelegenheit geben, um die Vorräte aufzustocken. Wie zu erwarten, zieht es sich bis dahin extrem. Platte, Büsche, Platte, Felder, Dornen, Brennnesseln, Rampen.

 

Und nicht zu vergessen – Platte. Platte. Platte.

 

Und plötzlich bin ich endlich da. Im nächsten McCafé hole ich mir zwei große Kaffee und einen Schokokuchen, den ich für meinen Feierabend in der Hängematte als Betthupferl im Rucksack bunkere. Im gegenüberliegenden Supermarkt stocke ich die Laugencroissants wieder auf und kaufe zum Direktverzehr alles an Obst, was ich für sofort vertragen und essen kann. Der Rest verschwindet in der Rahmentasche vom Beyond und erschwert mir natürlich wie jedes Mal die weitere Fahrt.

Aber egal – Hauptsache, ich habe etwas Glücksspendendes (=Obst) dabei! Ich fahre weiter und stoppe schon nach wenigen Metern wieder, um einen Erdbeerstand zu plündern.

 

Plattenpausenheaven.

 

Alles mitnehmen, was geht! Langsam scheine ich dann wohl aber doch etwas satt zu werden und ich finde meinen stetigen und langsamen Fahrrythmus wieder.

Der Nachmittag zieht an mir vorüber und es wird auch langsam wieder etwas sonniger. Eine Weile fahre ich gemeinsam mit einem meiner Mitstreiter – wir werden uns auch in den kommenden Tagen immer mal wiedersehen um zusammen über die Platte zu schlendern.

 

 

An diesem Abend fahre ich wieder bis spät ins Dunkle – mal wieder eher ungewollt, denn ich lande nach einem längeren toll zu fahrenden Waldstück wieder mitten auf dem Kolonnenweg und somit mitten in dieser Endlosschleife aus Bergauf-Bergab und finde hier somit lange keine Möglichkeit mehr, um mein Biwak aufzuschlagen. Erst nach vielen Kilometern kommt eine Schneise, dir mir den Zugang zu einem riesigen Feld und ein paar Bäumen dazu verschafft. Ein Traum von Ort für meine Hängematte! Das Glühen des Sonnenuntergangs brennt noch am Horizont, als ich am Waldboden den ersten und einzigen Couscous der Tour koche und selig mitten im Nirgendwo sitze. Kaum krieche ich nach dem Festmahl in die Hängematte um hier noch den Schokokuchen zu plündern, bin ich auch schon eingeschlafen.

 

Plattensunsetrides.

 

Der Wecker reißt mich – wie es  jeden Morgen der Fall sein wird – noch vor 4 Uhr aus den Federn. Mal wieder hat es Tau draußen und dichten Nebel. Mal wieder sind die Klamotten klamm, nass, kalt. Aber mal wieder gilt „who cares“ – denn die Platte ruft eben nun mal und es dauert sowieso nur gute knappe hundert Meter, ehe ich mich an der nächsten Rampe warm schwitze.

 

Der Nebel zieht sich durch den ganzen Vormittag, nur langsam kämpft sich die Sonne durch, Stück für Stück immer ein wenig mehr. Lange fahre ich durch mystische Täler, die Platte begleitet mich auch weiterhin, heute Vormittag werden wir sogar kurz eins miteinander. Mitten in diesem Nirgendwo mache ich eine kurze Frühstückspause, lehne mein Rad an einen Hochsitz und genieße mein Müsli in meiner roten Glückstasse. Mit zerquetschter Banane und einer Extraportion Vanillezucker liefert es mir bis zur nächsten Verpflegungsmöglichkeit – die natürlich ein Weilchen auf sich warten lässt – genug Energie.

Es geht langsam weg vom Thüringer Wald und ab in die Rhön – mir eröffnen sich mit jedem Kilometer unfassbar schöne Landschaften, Weiten – und, wie sollte es auch anders sein – ein paar heftige Anstiege und ordentliche Berge mit Plattenbelag. Ein Klatschmohnfeld nach dem anderen begeistert mich, bringen Farbe ins Plattenleben und sorgen für eine atemberaubende Vielfalt. Über Mittag erreiche ich den Bayernturm. Die Sonne brennt vom Himmel und ich leere zwei große Kaffee, Apfelschorle und Kranenwasser in einem Zug weg. Der Wirt wird mich noch länger in Erinnerung behalten – erzählt er doch wenig später zweien meiner Mitfahrer von dieser einen Radlerin, die so unfassbar viel Durst hatte. – Es geht eben nichts über einen oder zwei (oder drei ;)) ordentliche Tassen Kaffee!

 

Bayernturm & Rhönaussichten.

 

An dieser Stelle muss ich wiederholt meine Fotos durchkramen, denn die Tage auf der Platte verschwimmen mehr und mehr. Hätte ich meine Fotos nicht, ich hätte euch nicht mehr erzählen können, wo ich am ersten Abend ein Schlafplätzchen gefunden habe. Ich hätte auch nicht mehr gewusst, dass es der dritte Abend war, an dem ich spontan in Weimarschmieden ein Zimmer gefunden habe und an dem ich doch mal frühzeitig am Abend (für mich ist das etwa 20 Uhr) sesshaft wurde. Doch so beseelt von der Herzlichkeit und Originalität der Inhaber konnte ich gar nicht anders, als mich dem Angebot einer heißen Dusche, einem ordentlichen Essen sowie der Möglichkeit, meine schon etwas miefigen Klamotten zu waschen, hinzugeben.

 

Mit der teils katastrophalen Versorgungslage im Blick tat es für den Abend und den Morgen nur zu gut, um sich wenigstens über Wasser und Essen keine Sorgen mehr machen zu müssen. Es wird die einzige Nacht werden, die ich in geschlossenen Räumen verbringen werde – und die Herzlichkeit, die in diesen mitschwingt, wird mich noch am nächsten Tag lange begleiten. Ebenso wie die Brötchen, die ich mir morgens um halb 5 noch als Proviant schmieren darf – oder besser: soll (!), denn eher lässt man mich hier sowieso nicht gehen. Es sind genau jene Menschen, die mein Herz auf Reisen so sehr bereichern und meine Erinnerungen so nachhaltig machen. Keine Nacht alleine in der Hängematte hätte mir dieses Gefühl von Solidarität und Gemeinschaft geben können – und ich bin immer wieder aufs Neue dankbar für diese Menschen, die einen irgendwie, und immer wieder im richtigen Zeitpunkt, einfach finden und Zeitlebens nicht mehr loslassen.

 

Und dennoch – ich bin froh, als ich um 5 Uhr wieder alleine im Sattel sitze und die Platte und ihr umliegender Wald mich aufs Neue verschlucken. So sehr ich die Gemeinschaft auch genieße: was ich unterwegs am meisten brauche, sind Ruhe, Stille, Einsamkeit. Das Gefühl, meinem Rhythmus folgen zu können. Nichts besprechen und nichts benennen zu müssen. Die besten Gespräche sind die in stiller gemeinsamer Schweigsamkeit – selbst wenn ich eben nur mit mir allein in diesem Monolog bin. Während ich kurzum Seite um Seite schreiben kann, ist viel Reden eher nicht so meins. Tagelang schweigen dagegen? Kein Problem.

 

 Die Platte macht mir das leicht.

 

Verschluckt vom Plattenalltag.

 

Langsam verschwimmen die Tage also immer mehr. Die Rhön hat mich in ihren Bann gezogen und es geht munter bergauf und bergab. Ich bin froh über die ganze frische Verpflegung in meinem Rucksack, denn es ist tatsächlich ziemlich tote Hose hier. In einem Wanderhaus kann ich den Rucksackvorrat noch um zwei riesige Stücke Käsekuchen erweitern – diese werden mich die nächsten zwei Tage begleiten und meinen Notfallproviant darstellen. Es dauert jedoch nicht lange, bis ich ihn dann doch frühzeitig annagen muss. Nach einer ewig langen steilen (was auch sonst) Schiebepassage über die Platte stopfe ich mir in aller Seelenruhe und begleitet von der besten Aussicht die ersten Happen Käsekuchen rein. Noch gerade rechtzeitig – denn kurz darauf beginnt es zu schütten und an eine entspannte Pause ist vorerst nicht zu denken.

 

Käsekuchenglück hoch2 (versteckte 4).

 

Ich habe das Gefühl, kaum Kilometer zu machen. Und es ist auch so. Während nicht nur die unfassbar steilen Anstiege ein flottes Vorwärtskommen verhindern, verschlucken einen immer wieder lange Passagen im tiefsten Nirgendwo, in denen man sich durch Gestrüpp, Dornen, Brennnesseln und wegloses Nichts seinen Weg bahnt. Froh sind die, die etwas weiter hinten jenen an der Front des Tracks folgen – denn so kann man immerhin den schon eingespeisten Schneisen und wenigen Spuren folgen, hat man sich mal wieder vollends im Gestrüpp verloren.

 

Nach einigen unzähligen Bergen der Rhön entdecke ich plötzlich ein Schild – „Point Alpha – 17 km“. Point Alpha? Direkt vor meiner Nase? Ich kann es kaum fassen. Point Alpha ist nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Fahrer der GST ein Meilenstein auf dieser Tour. Als ehemaliger US-Beobachtungsstützpunkt an der hessischen innerdeutschen Grenze ist Point Alpha heute eine Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte. Auf einem exponierten Bergzug ist Point Alpha ein ziemlich beeindruckender und Demut erweckender Ort – und zieht mich schon vor meiner Ankunft dort sehr in seinen Bann.

 

Etwa so, wie der Brocken das nahende „Ende“ einläutet, bedeutete Point Alpha für mich, endlich mittendrin zu sein im Abenteuer GST & ehemalige innerdeutsche Grenze. Kurz nach dem Schild traue ich mich, auf einem weiteren Höhenzug meine Vorräte anzuknabbern – denn ich weiß, dass mit Point Alpha auch die nächste Verpflegungsmöglichkeit auf mich wartet und das beruhigt mich dann doch etwas. Ich werde zwar schon bald realisieren müssen, dass mich dieser Einkausluxus wiederum eine steile Rampe kosten wird (die ich nicht fahren müsste, wäre ich am Track geblieben), aber Naja – ich mache ja schon viel für frisches Obst und einen guten Snack zum Abendessen.

 

Noch vor Point Alpha gibt es eine ordentliche Portion Trail Magic. Ein großer Camper weist mit zielführenden Plakaten darauf hin, wohl extra für hungrige und durstige GSTler hier zu stehen – und es gibt natürlich prompte Verpflegung. Hier muss ich eine Gedächtnislücke gestehen – denn mir fällt der Name jenes GST-Unterstützers nicht mehr ein, der uns dort so wahnsinnig toll geholfen hat. Nach einem kurzen Päuschen geht es mit einem alkoholfreien Radler im Bauch und einem weiteren Kuchen im Rucksack also wieder zurück auf die Platte. Vorzeigeplatte soll es die nächsten 17 km geben – und tatsächlich, bis auf die paar Steigungen rollt sie sich tatsächlich sehr gut und ich fliege – den Umständen entsprechend – dem nächsten Meilenstein entgegen.

 

 

Meilenstein. Point Alpha. 

 

Es ist ein Wahnsinnsgefühl, hier anzukommen und ich erledige flott den Versorgungsstopp unten im Tal, bevor ich mir Zeit für eine Erkundung des Mahnmals nehme. Ich fliege also die Rampe runter nach Geisa, um sie nur kurze Zeit später wieder ziemlich voll beladen & bepackt für eine ordentliche frische Brotzeit für den Abend wieder raufzukraxeln. Geschenkt gibt es eben nichts. Gutes Essen schon gar nicht.

 

Brotzeit to go. Ready für ein Plattendinner.

 

Die Sonne steht jetzt mittlerweile tief am Himmel und lässt den Ort noch mehr wirken. Langsam scheint in meinem Kopf anzukommen, dass ich wirklich hier unterwegs bin. Am grünen Band, der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Langsam scheint in meinem Kopf anzukommen, dass es sie also so wirklich gegeben hat. Die Geschichte – mit all ihren krassen Geschichten und Erinnerungen, wird hier plötzlich so unfassbar greifbar und nachvollziehbar real, dass es einem den Atmen nehmen kann. Immer wieder werden solche Mahnmale auftauchen. Immer wieder werden wir an alten Grenzzäunen entlang fahren. Immer wieder werden wir den alten Todesstreifen sehen können. Immer wieder werden wir dankbar dafür sein dürfen, uns hier so unfassbar frei bewegen zu dürfen – ohne erschossen zu werden. Dass diese Geschichte gerade mal drei Jahrzehnte vergangen ist, ist eigentlich unglaublich. Die Mauer nimmt keine Rücksicht auf topographische Verhältnisse – zu sehen, wie sie sich unfassbar krasse Steigungen entgegen setzt, macht einem nicht nur den Irrsinn der Idee sondern auch deren Umsetzung nur zu sehr deutlich. Und wir erleben es ungefiltert am eigenen Leib.

 

Ich kann jedem, der diese Erfahrung einmal machen möchte, nur raten, sich so nah und direkt damit auseinander zu setzen. Man muss nicht diese komplette Tour machen oder das komplette grüne Band radeln oder laufen, um die Geschichte erlebbar zu erfahren. Meines Erachtens reichen schon die Mahnmale und eine achtsame Erkundung derer, um zumindest ein Gefühl davon zu bekommen, was „die Mauer“ und alle ihre Konsequenzen eigentlich bedeutet hat.

 

 

Ich bin dankbar für diese Erfahrung und werde sie zeitlebens nicht mehr missen wollen.

 

 

Im Abendlicht setze ich meine Tour auf der Platte weiter fort.

Es war ein langer und fordernder Tag und ich sehe zu, dass ich diesmal nicht erst im Dunkeln einen Platz zum Schlafen finde. Außerdem weiß ich nicht, wie lange meine festgezurrte Gurke auf der Satteltasche noch dem Gerumpel der Platte standhalten wird – und habe zudem auch noch tierisch Lust auf eine ordentliche Brotzeit.

Ein paar Plattenkilometer und Höhenmeter weiter finde ich dann ein schönes Plätzchen. Versteckt am Wald, mit Bäumen sowie einer Bank mit Tisch, um Klamotten und Picknick darauf abzulegen – Jackpot!

 

EarlynightPlattencampmodus.

 

Ich kann mich voll und ganz ausbreiten und während ich mich noch umziehe und meine Katzenwäsche erledige, bin ich schon dran, das Baguette, die Gurke und den Parmesan zu plündern. Typischer Arriving-Modus und typischer „Endlich Feierabend“-Reflex. Noch vor dem Baguette verschwindet der von der TrailMagic gesponserte Erdbeerkuchen in meinem Bauch. Es braucht nur 4 Bissen, bis er weg ist. Slow food? Fehlanzeige. Irgendwie verschwindet alles, was in meine Hände kommt, ratzfatz in mir und meinem Magen. Ich genieße es trotzdem. Nur, naja – eben defintiv anders als sonst, wo ich mir doch immer sehr gerne viel Zeit fürs Essen und fürs Kochen lasse und nehme.

 

Das Kochen habe ich mittlerweile übrigens abgehakt. Es ist wie immer: Vorher zubereitete Speisen, wie diesmal der schnell kochbare Couscous, bekomme ich unterwegs nicht mehr runter. Der ganze Körper stellt sich um, verdaut anders, hat anders Hunger, fokussiert sich anders. Ich brauche nur an den Couscous zu denken und mir vergeht schon der Appetit. In normalen Zeiten – ein Unding.

 

Nach Point Alpha folgt für mich der nächste Meilenstein – es geht weiter in Richtung Werra-Tal, weiter in eine Region in der „Nähe“ meiner Heimat, weiter in eine Region, mit der ich einige Erinnerungen verknüpfe und auf die ich während der Tour schon gewartet habe.

Ich starte früh an diesem Morgen, wieder mal vor 5 Uhr und kann wieder in einen wunderbaren Sonnenaufgang radeln. Relativ bald sind meine müden Beine wieder wach gerollt. Nach den langen Tagen auf der Platte und dem vielen Laufen auf Beton leiden auch die Knie nicht wenig – und gerade morgens wehren sie sich gerne mit Steifheit und einem wirren „wir wollen uns heute nicht bewegen“. Geschwollen sind die Beine außerdem – abends sehen sie meist etwas elefantös aus und ich bin jeden Morgen aufs Neue froh, wenn sie durch den kurzen Schlaf zumindest etwas abschwellen konnten.

 

 

Ausgehfähig – Fehlanzeige. Schmeckt trotzdem. 😉

 

Die ersten Meter raus aus der Hängematte stolpere ich meist wie ein Betrunkener durch den Wald, so steif ist alles. Da ich nur dicke, wasserdichte Socken als „Ersatzschuhe“ trage, merke ich dann auch noch jeden Stein und jede Unebenheit – und laufe dementsprechend wie ein Elefant im Porzellanladen.

Der Track bleibt auch in Richtung Werra wunderschön. Es kommen immer wieder Abschnitte, auf denen es möglich ist, eine Handvoll Kilometer zu sammeln. Jedoch ist und bleibt es wie immer – kaum ist man im Flow, wird man auch schon wieder auf den steilen, fransigen Boden der Plattentatsachen zurückgeholt.

 

Lost im beginnenden Werratal.

 

Am Nachmittag passiert mir dies so richtig: Erst schmeiße ich mich in einem Matschfeld vom Rad und das mitten in die Dornen. Nur kurze Zeit später tut sich ein ungutes Gefühl, ausgehend von meinem vorderen Laufrad, auf: Es juckelt und eiert – verliert Luft. Jippie! – Ich könnte schon jetzt heulen. Denn dieses Laufrad hatte mich schon vor der Tour ein paar Nerven gekostet – und aus lauter Zeitdruck gab ich es noch kurzerhand zum Radladen um die Ecke, um endlich den neuen Mantel über diese krasse Felge zu bekommen. Ich bekam es dann wieder mit den Worten „Was eine Scheißfelge – viel Spaß, wenn Du damit unterwegs `nen Platten hast“.

Na Super! Und wie super war es jetzt, genau hier, im Nirgendwo mitten auf der Platte einen Platten an genau diesem tollen Laufrad zu haben. In der Hoffnung, dass es nur ein kleiner Schleicher sein könnte, gab ich dem Ganzen erstmal eine Chance und pumpte es schlicht neu auf. Nur einen halben Kilometer später hatte ich es dann wieder platt gefahren und die Situation war klar: Der Schlauch musste raus.

 

 

 

An dieser Stelle wünschte ich mir, vor der GST noch auf Tubeless umgerüstet zu haben. Aber Naja… –  gemäß meinem Motto „Never change a running system“ wollte ich nicht noch kurz vorher etwas ändern und umrüsten. Und das hatte ich jetzt davon. Wer jetzt denkt, Mensch Leona, ist doch nur ein Platten… – Ja, das dachte ich vor diesem Laufrad auch immer. Letztendlich kostete es mich 2 Schläuche, 3 Stunden, einen Haufen Nerven, 2 Telefonanrufe beim Telefonjoker Daniel, bis ich endlich wieder fahrbereit war. Habe ich noch nie erlebt – und möchte ich auch nie wieder erleben!

 

Wie auch immer – dieses Vorderrad wird mir noch bis Priwall an der Ostsee weiter Freude bereiten. Jeden Morgen wird es mich mit der Luft auf Halbmast begrüßen und kurz vor dem Ziel, etwa 200km vor der Ostsee, ganz seine Beständigkeit an Luft verlieren.

 

An diesem Tag ist es etwa 17 Uhr, als ich weiterfahren kann. Die Sonne hat mich auf der Platte mehr als gebraten. Vom Kopfüber arbeiten ist mir teils schlecht geworden, aus Frust sind meine Laugendreiecke leer gefuttert worden und mein Wasser hat sich zu einem Fitzelrest in einer meiner Flaschen minimiert. Ich könnte Literweise Wasser in mich reinschütten, aber es nützt ja nichts, ich muss weiter. Irgendwann, nach weiteren steilen Rampen und sengender Hitze, spuckt mich die Platte wieder aus und ich komme endlich ins lang ersehnte Werra-Suhl-Tal. Durch einen Zufall entdecke ich in einem total verlassenen Ort ein kleines Café – und lade erstmal Wasser, Apfelschorle, Kaffee und einen Kuchen für den Rucksack nach, bevor ich weiterziehe. Ich gönne mir nicht wirklich eine Pause – denn ich will die ganzen verlorenen Stunden wieder aufholen und bin zusätzlich auch einfach nur noch froh und glücklich, endlich wieder unterwegs zu sein.

 

Back on track – Happy welcome, Werra!

 

Momente wie diese, in denen mein Tunnel und mein Radeln so abrupt stoppen müssen, zeigen mir immer wieder aufs Neue, wie sehr ich dieses Ganze eigentlich will. Ich fahre für nichts und niemanden, nur für mich selbst. Ich fahre weder für ein Ergebnis noch für Tageskilometer – ich fahre einfach, weil es mich so glücklich macht. In diesen Momenten zu sein, nur die nächste Kurbelumdrehung im Kopf zu haben, mich auf nichts anderes mehr fokussieren zu müssen. Gerade die Abende, in denen ich in den Sonnenuntergang hinein radeln kann, liebe ich am meisten. Wie oft schon habe ich mir vorgenommen, heute mal früher „Feierabend“ zu machen. Wie oft schon habe ich mir vorgestellt, mal in Ruhe noch den ganzen Abend voll mit Nichtstun haben zu können. – Und wie oft schon ziehe ich es dann immer wieder vor, am Rad zu bleiben und einfach weiterzumachen. Kilometer für Kilometer, immer weiter.

 

Weil die Beine und mein Herz mich einfach tragen.

 

In den Sonnenuntergang zu radeln bedeutete für mich auf der GST meistens, auf Betonplatte das Rad in den Sonnenuntergang zu schieben. Irgendwie war mein Timing meistens so, dass mich die Platte in einem irrsinnig langen Nirgendwo immer wieder pünktlich zur Dämmerung verschluckte – und mich so immer wieder vor neue Herausforderungen stellte.

Irgendwann im Dunkeln finde ich eine überdachte Bank – an deren Dach sich meine Hängematte optimal hängen lässt. Eine Kuhherde grast auf der gegenüberliegenden Weide neben mir – ihr Wiederkäuen und sanftes Grasen wird mich gegenüber den nahe rotierenden Wildschweinen und einem Wolfähnlichen Geräusch beruhigen – denn solange die geliebten Rindviecher nicht die Fassung verlieren – brauche ich es auch nicht.

 

Finally PlattenFeierabend.

 

An diesem Abend schlafe ich selig ein – mit dem guten Gefühl, mich auf den nächsten Tag und die noch folgenden Etappen freuen zu können – denn diese Platte.. – sie hat mich mittlerweile voll in ihrem Bann.

An diesem Abend endet der erste Part der GST – dessen Beitrag schon viel länger geworden ist, als ich eigentlich geplant hatte. Diese Tour in Worte zu fassen, fällt selbst mit unglaublich schwer. Könnte ich, würde ich wohl ein Buch darüber schreiben. Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse hat es jedenfalls genug dafür. 

An diesem Abend endet der erste Part – jedoch nicht die Erinnerung, an diese unglaubliche Zeit. Und die Dankbarkeit, die mich für diese unfassbare Freiheit immer noch täglich erfasst. 

 

Across no borders Part #2. Folgt.

 

 

 

 

 

 

Across no borders - GST part #2 - the point of no return.
Ride free - just another Blackforest-Bikepackingadventure.

7 Kommentare bei „Across no borders – riding & pushing the GST. Part #1.“

  1. Hi Leona,
    vielen Dank, man wird echt in das Delirium eines solchen Plattenritts mit reingenommen, ganz toll!
    Auch die Fotos gefallen mir richtig gut! Meinst Du, kannst Du beim Erstellen der Beiträge es so einstellen, dass man bei einem Klick die Fotos vergrößern kann?
    Ganz liebe Grüße!

    1. Hej Benni – vielen lieben Dank für deinen Kommentar 🙂 Schön, dass ich Dich so mitnehmen kann wie auch Du mich in deinen Beiträgen immer wieder auf deine Abenteuer mitnimmst 🙂 Manchmal glaube ich, ich radeln nur fürs Schreiben im Anschluss 😉 Das mit den Bildern ist eine gute Idee – tatsächlich habe ich bei deinem letzten Beitrag der Westwall Divide mich da schon anstecken lassen, es in Zukunft ähnlich zu gestalten. Das war nämlich super 🙂 Sonnengrüße aus Freiburg! Leona

      1. “Radeln nur für’s Schreiben” – das Gefühl kenne ich durchaus. 😉
        Bin gespannt…
        Liebe Sonnengrüße zurück!

  2. Toll, wie du die Eindrücke in Worte fassen kannst. Zu lesen, wie es dir ergangen ist, macht mir bewusst, wie gut mir die Zeit während der GST tat. Ich lass wieder von mir hören. LG Alex

    1. Lieber Alex, ich danke Dir für dieses Feedback! – Und so schön zu hören, dass ich Dich im positiven an die GST erinnern kann. Ich glaube, wir haben da etwas ganz Besonderes erlebt und es ist schön, wenn man sich immer wieder (auch gemeinsam) an diese Zeit erinnern kann 🙂 Viele liebe Grüße aus Freiburg, Leona

  3. Hi Leona,

    toller Bericht, tolle Bilder, tolles Mädel;-).
    Irgendwann fahre ich die GST auch mal, ich hab sie ja schon lange auf meiner Liste.
    Ja, mit den Bildern von einer Tour kommt die Erinnerung wieder hoch. Dies Szenen sind ja irgendwo im Hirn abgespeichert, aber aufgrund der Flut von Eindrücken oft nicht sofort abrufbar.
    liebe Grüße
    Chris

    1. Ach Chris, ich danke Dir von Herzen! 🙂 Vielen vielen Dank dafür! Und Ja, genauso isschs 😉 So viele Eindrücke, so viele Erinnerungen. Du kennst es ja 🙂 Und ich wünsche Dir, dass Du die Erfahrung der GST auch noch machen kannst – wer weiß, vielleicht im nächsten Jahr 🙂
      Viele Grüße von ums Eck!
      Leona

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