In between the distances – beloved Bikepackingroutines.

 

Distanz ist der Abstand zwischen Herz & Verstand.

⌈Gabriele Ende⌋

 

Es ist so eine Routine geworden. Aufzuwachen, den Tag mit Yoga zu beginnen, den ersten Kaffee und in Ruhe mein Porridge zu genießen – und nebenher, ganz nebenbei, das Rad zu packen. Während die nötigsten Basics sowieso schon von Wochenende zu Wochenende in meiner Lenkertasche schlummern, braucht es meist nur noch die nötigsten Klamotten, Essen, Wasser und ein paar Kleinigkeiten, die noch in Sattel- und Rahmentasche Platz finden müssen.

 

Es ist eine Routine geworden –

Zusammenzupacken, zu minimalisieren, zu fokussieren.

 

Minimal unterwegs. Ziellos – und doch so fokussiert.

 

Während das Rad noch bepackt wird, entscheiden sich Bauch und Kopf schon langsam für eine Route. Denn auch wenn immer eines schon feststeht – nämlich die Tatsache, mit Sack & Pack überhaupt erst los zu radeln, ergeben sich die Richtung, die Route, die nächsten Stunden & Tage meist erst kurz davor – oder vor allem, meist erst mittendrin. Es ist eine Freiheit, den Schwarzwald und dieses Paradies hinter meiner Haustüre einfach schon so gut zu kennen, dass es ein Leichtes ist, einfach los zu radeln und sich gleich auf den ersten Kilometern bergauf auf den schönsten Trails wiederzufinden.

Und dennoch – ist es ja immer wieder das Unbekannte, das mich reizt und das erradelt werden will. Mit jedem Kilometer und jedem Höhenmeter, fernab von dem, was ich schon kenne und fernab von dem, was ich Routine nenne, lerne ich meine Wahlheimat immer wieder neu kennen und entdecke wunderschöne Landschaften, die seinesgleichen suchen.

 

Mit der Nase in der Sonne – & der Neugier im Gesicht.

 

Es ist eine Routine geworden. Aufzuwachen und einfach los zuradeln. Es ist eine Routine geworden, die ich so sehr liebe und deren Freiheit ich mir so hart erarbeitet habe. Es ist eine Routine geworden, die meinen Kopf – so voll und zerstreut er auch vorher noch gewesen sein mag – immer wieder zur Ruhe bringen vermag. Es ist eine Routine geworden, die meine Seele wieder ihren Platz und die mich langsam wieder zurück in mein inneres  Gleichgewicht finden lässt.  

 

Bauch & Herz sagen mir, wohin es gehen soll. Ich habe keine Karten dabei, kein Navi, keinen Kompass – nur mein inneres Gefühl. Es gibt Touren, die habe ich schon Wochen vorher im Kopf, ohne sie überhaupt schon richtig zu kennen. Ich spüre diese eine Gegend, in die es mich zieht, und sobald es mich zu sehr kribbelt, anstatt es noch länger auszuhalten, ziehe ich los – und erkunde sie.

 

Wegweiser des Herzens.

 

Vor einigen Wochen zum Beispiel waren es die Vogesen – die ich durch das Rennrad und das Trailrunning schon wirklich gut kenne, jedoch noch nie im Bikepackingmodus erkundet habe. Bauch & Herz hatten sich so daran festgefressen, dass ich nun endlich einfach hinmusste. Ein Zeitfenster von 3 Tagen Sonnenschein und wenig Schnee auf den Gipfeln drüben im Schwarzwälderischen Schwestergebirge machte es mir klar – ich musste hin und ich musste endlich dort auf eine neue Erkundungstour gehen.

 

Der Petit-Ballon – Kraftort für die Seele.

 

Eine Recherche vorher beschränkte ich aufs Nötigste – und zwar auf das Suchen eines sicheren Parkplatzes für den guten alten Bullibus sowie eine mögliche Bleibe für den ersten Abend. Denn wie die Bedingungen für die Nacht werden würden, waren noch unklar und mein Bikepacking-Wintersetup lässt derzeit noch etwas sehr zu wünschen übrig. Alles andere überließ ich meinem Bauchgefühl – und dieses zog mich in die Gegend meines geliebten Petit-Ballons, der mir schon in der Vergangenheit so viele traumhafte Erinnerungen und mentale Kräfte gespendet hatte.

 

Los ging es mit dem Bulli früh morgens um 7 Uhr und pünktlich zu einem unfassbar wunderschönen Sonnenaufgang kam ich mit ihm drüben in den Vogesen an. Der Nebel staute sich in der Rheinebene und an den Les Trois Chateux, an deren Wanderparkplatz ich den Bulli deponieren wollte, strahlte mir die Sonne überhalb von diesem Nebelmeer und dem gegenüberliegenden Schwarzwald entgegen und versprach mir einen wunderbaren Tag voller Abenteuer.

 

On may way – Bullibus on tour.

Sonnenaufgang überm Nebelmeer & dem geliebten Schwarzwald.

 

Bei noch knapp über 0° C Grad packte ich das Rad zu Ende und machte mich auf den Weg – wie immer hoffend, dass der Bullibus hier auch bei meiner Rückkehr noch heil & sicher dort auf mich warten würde.

 

Endless Trails ahead!

 

Das Klicken der Pedale kommt jedesmal einem Freiheitsgefühl gleich

– endlich geht es wieder los!

 

Es geht direkt auf einen Trail und dieser ist schon schnell so ruppig, dass ich meinen Packesel munter schieben darf. Mein Atem steht noch in kleinen Wölkchen vor meiner Nase – so eisig kalt ist es noch. Der strahlend blaue Himmel über mir verspricht jedoch schon bald wärmere Temperaturen und der Schweiß rinnt mir sowieso schon bald in Strömen übers Gesicht. Denn wer die Vogesen kennt, weiß, dass sie vor allem eines sind: wild, teilweise sehr unwegsam und gespickt mit steilen, eben nunmal Schweißtreibenden Anstiegen.

Also genau das, was mein Bikepackingherz so richtig glücklich macht!

Mich zieht es Richtung Petit-Ballon, den ich noch am selben Tag erreichen möchte und unter dem sich auch die kleine Unterkunft befindet, bei der ich mich vorsichtshalber schon angekündigt habe. Einige Stunden, etwa 35km und knappe 2000 Höhenmeter später komme ich dort auch an. Wie gesagt, wer die Vogesen kennt – der weiß… 😉

 

 

Geschenkt wird einem hier nichts – außer grandiose Landschaften und ein Gefühl absoluter Einsamkeit und Freiheit. Ich sehe den ganzen Tag keine Menschenseele, bin nur mit Kurbeln und vor allem Schleppen und Schieben meines Rades beschäftigt. Erst am Petit-Ballon mache ich eine Pause, um endlich meinen Tee zu trinken, der in seiner Kanne vorn an meiner Gabel schon die ganze Zeit munter vor sich hin klappert. Tee, Mandarinen und Trockenobst mit Nüssen – sind nun das Beste, was mein hungriger Magen gerade vertragen und sich vorstellen kann.

 

Der Wind bläst stark hier oben am Gipfel und ich genieße es wie immer, hier zu sein. Wie oft im vergangenen Jahr habe ich mich zurück an diesen Kraftort gesehnt – umso schöner ist es nun, endlich wieder hier zu sein. Die Tage sind nun im Januar noch kurz und ich muss zusehen, dass ich weiterkomme, damit ich die Unterkunft auch noch möglichst im Hellen finde. Ich habe mich für ca. 17 Uhr angemeldet und Alain erwartet mich schon.

 

Freiheit am Petit-Ballon.

 

Und wie er dies tut! Kaum angekommen, sehe ich dampfenden heißen Kaffee vor meiner Nase stehen und einen selbstgemachten Mohn-Hefezopf. Alain & Sabine, die gemeinsam dieses Paradies in den Vogesen führen, haben hier mit ihrer kleinen Gite d`Etape einen Garten Eden geschaffen. Komplett autark und ohne Stromanschluss setzen sie hier ihre Ideen von einem besseren Leben im Einklang mit der Natur sowie ihren Visionen der Permakultur um – und ich bin beeindruckt von dem, was sie hier bisher erreicht und gestaltet haben.

Während ich mich noch am norwegischen Ofen aufwärme und schon bald mein uriges Zimmer im Dachgeschoss beziehe, zaubert Sabine schon ein wunderbares Essen – und schon bald sitzen wir Drei gemeinsam im „alten Kuhstall“ des nun schon 400 Jahre alten Hauses beim Essen und ich fühle mich, also hätte ich hier neue Freunde und so etwas wie eine kleine Familie gefunden.

 

Angekommen im kleinen Paradies.

 

Es ist so ein einfaches, unkompliziertes und wertschätzendes Miteinander hier und ich genieße die Gesellschaft dieser beiden faszinierenden Menschen. Es liegen mental anstrengende Tage hinter mir und es tut gut, diese positiven Energien um mich zu haben.

So sehr ich es auch immer wieder genieße, beim Bikepacken einfach nur für mich zu sein – so sehr schätze ich auch immer wieder aufs Neue solche wertvollen & bereichernden Begegnungen mit den Menschen, die ich unterwegs kennenlerne und die meine Reise immer wieder zu etwas ganz Besonderem machen.

Und weil ich ursprünglich nichts fest geplant hatte, bleibe ich auch noch eine weitere Nacht bei den Beiden – denn nachdem ich im Bulli meinen Geldbeutel vergessen habe und mir somit jede Möglichkeit, unterwegs auch spontan noch etwas zum Übernachten oder zum Essen finden zu können, zunichte gemacht habe, fällt mir die Entscheidung leicht, einfach noch eine Weile bei ihnen zu bleiben und mich seelisch wieder aufzuladen.

 

Mystischer Gipfel des Grand-Ballons.

 

Und so geht es am nächsten Tag auf den Grand Ballon, den ich über den teilweise verschneiten Fernwanderweg GR5 sowie die für den im Winter gesperrte und nun mystisch ruhige Höhenstraße, die Route de Crêtes,  erreiche. Es ist ein unglaublich tolles Gefühl, hier auf dieser Höhenstraße ganz allein für mich zu sein – und ich genieße jeden Kilometer. Der Grand Ballon fordert mit seinen verbliebenen Schneeresten nochmal ein paar Hike-a-bikes und über verschneite Trails und eisige Wege schlittere ich teilweise mehr schlecht als recht dem Gipfel entgegen.

 

Unbezahlbare Freiheit.

 

Doch ist es eben wie immer – das Ankommen und die Aussicht hier oben sind unbezahlbar und atemberaubend schön. Und zusätzlich gilt es – routines as always – endlich die Nüsse und die getrockneten Aprikosen auszupacken. Denn das Frühstück mit Alain und Sabine ist nun doch schon eine Weile her und der Magen knurrt schon gänzlich ungeduldig vor sich hin – und freut sich dafür umso mehr über das Proviant. Ich freue mich schon jetzt auf das Abendessen – denn Sabine, die im Prinzip genauso kocht wie ich – hatte schon gestern so ein tolles und nahrhaftes Abendessen zubereitet, dass es heute auch nur mindestens genauso gut werden kann.

 

Nach einer Fotoserie und der nächsten mache ich mich auf den Rückweg und traile zurück in Richtung Petit-Ballon und der Unterkunft. Auf einem Ableger des Fernwanderweges GR5 komme ich auf der Höhenlinie sanft bergabführend den Beiden immer näher und genieße die mystische Umgebung, die Stille, die Einsamkeit und das Licht, das in der Abenddämmerung langsam immer schöner wird.

 

 

Ich bin dankbar für mein Bauchgefühl, das mich mal wieder an einen dieser besonderen Orte geschickt hat. Ich bin wieder dankbar für meine Wahlheimat, die mir diese Orte erst so spontan und auf kurzen Wegen zugänglich macht. Ich bin wieder dankbar für diese Freiheit, von jetzt auf gleich unterwegs in diesen wunderbaren Landschaften zu sein. Es ist ein Zustand, der harte Arbeit, Willen und einen langen Atem gekostet hat – und den ich nun umso mehr genieße und ja, jedes Wochenende auf diese Art meiner geliebten Bikepackingroutine, feiere und auskoste.

 

Am Abend tischt Sabine aufs Neue ein wunderbares Essen auf. Viel Gemüse, viel Buchweizen, viel Salat, viele Nüsse und einfach nur ganz viel leckerer Geschmack und das bei vor allem vielen, guten Gesprächen über das Leben, die Natur, dem Menschsein (dürfen), der Permakultur und den Wünschen, Träumen und Visionen, die uns antreiben und tagtäglich beschäftigen.

Die Beiden sind faszinierend und unglaublich wohltuend, mit ihrer Art, zu kommunizieren und zu leben. Ich weiß, dass wir uns hier nicht zum letzten Mal gesehen haben und auch wenn es mir am nächsten Tag ein bisschen schwer fällt, wieder loszuziehen, so ist mein Herz doch wieder ein Stück reicher geworden – mit zwei Menschen, die ich nun als Freunde bezeichnen darf und wieder einem neuen Ort, an dem meine Seele Ruhe finden kann.

 

Abendstimmung im Belchenthal.

 

Über den Petit-Ballon kurbele ich am Rückweg und am dritten Tag zurück in Richtung Bulli – es wird eine kurzweilige Strecke, die ich zwischendurch nur von ein paar zusätzlichen Gipfeln unterbrechen lasse und auf der mich die Sonne noch ein ganzes Stück lang begleitet. Kaum am Bullibus angekommen, wartet schon die nächste geliebte Routine: Kaffee kochen!

 

Happy-Coffee-Face.

 

Wie gut es immer wieder tut, sich nach einer solchen Tour einen Kaffee zu machen, im Bulli zu hocken, eine Tasse nach der anderen zu schlürfen und einfach den Gedanken & wunderschönen Erinnerungen nachzuhängen. Pünktlich zum Ende der Tour zieht der Himmel nun langsam zu, erste Regenwolken bilden sich und ich genieße es, mich nun endlich vol und ganz in den Bulli verkriechen zu können. Der Kaffee, der mit leckeren Keksen, Nüssen und Äpfeln gespickt wird, geht daraufhin langsam zuneige und gibt mir das Zeichen, dass ich langsam den Rückweg gen der Schwarzwaldheimat antreten darf.

 

 

Es ist eine Routine geworden, immer wieder aufs Neue loszuziehen. Es ist eine Routine geworden, immer wieder aufs Neue loszulassen, loszuradeln – und immer wieder aufs Neue wieder zu kommen, mit einem Herz voll Erinnerungen und Erfahrungen, die seinesgleichen suchen. Es ist eine Routine geworden, sich immer wieder aufs Neue einfach der Neugier hinzugeben und sich rein von meinem Bauchgefühl leiten zu lassen.

 

Es ist eine Routine geworden

– und ist & bleibt dennoch immer wieder, ein wunderbares Abenteuer.

 

 

 

 

Facing & balancing my elements - Pläne für 2020.

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