Das Gefühl von Heilung – zwischen Frei- & Sicherheit.

 

Was bedeutet Heilung

– für mich?

Wann bin ich gesund

– & wie fühlt sich das dann an?

 

Heute Morgen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich kam von der Yogamatte, draußen regnete es & so saß ich mit Espresso und meinem warmen, nährenden Porridge im Sessel. Hielt inne, ließ mich einfach sein. Dachte über all die Dinge nach, die gerade hinter mir lagen, mich in letzter Zeit sehr beschäftigt hatten und auch, wie sehr ich mich durch diese weiter entwickeln durfte.

Und während ich darüber nachdachte, was all das für mich bedeutete, wurde mir klar, dass ich wieder ein Stück mehr geheilt war. Dass ich plötzlich ein Bild davon hatte, was die Heilung von meiner Essstörung überhaupt für mich bedeutet hatte und was ich mit ihr erreichen wollte. Mir wurde klar, dass ich dieses Bild, bisher jedoch nie gehabt hatte. 

Ich hatte immer gekämpft, gegen die Essstörung, für eine Heilung – doch hatte nie genau visualisiert, wie diese eigentlich aussehen sollte. 

 

Ich hatte es nie visualisiert und noch viel schlimmer: 

Ich habe mein persönliches WHY der Heilung nie gekannt, 

es nie definiert, mich eigentlich nie bewusst & aktiv dazu entschieden, 

die Heilung mit all ihren „Konsequenzen“ anzugehen. 

Und dies hat mich, rückblickend, 

so oft und so hart immer wieder aufs Neue von meinem Weg abkommen lassen. 

 

Gefangen zwischen Frei- & Sicherheit.

Gefangen, zwischen dem Wunsch nach Frei- & Sicherheit. 

Ja, klar, ich wollte frei sein. Frei sein von den quälenden Gedanken, den vernichtenden Zweifeln, diesem Gefühl, niemals gut genug zu sein. Doch ich wollte eben auch nicht loslassen, von der Sicherheit, die mir die Magersucht so lange gab. Ich wollte nicht loslassen, von dem Körper, den sie mir versprach, von dem Aussehen, in dem ich mich vermeintlich sicher & „wohl“ fühlte. 

Doch nie hatte ich ein klares Bild vor Augen, wie dies letztlich aussehen würde. Erst jetzt, im Nachhinein, wird mir klar, was die Essstörung mir lange Jahre eigentlich genommen hat. Was sie an Kraft, Energie, Fokus, Lebensfreude, Erfüllung gekostet hat. Wie sie mich zu etwas gemacht hat, das ich eigentlich gar nicht bin.
Wie sie jegliche Vision meinerseits – schon im Keim einfach erstickt hat. 

Die Kontrolle & die Sicherheit, die sie mir gab, stand lange über allem anderen. War die Nummer 1 Priorität. War wichtiger als Beziehungen, Familie, Freunde. Das wollte ich damals nicht wahrhaben, doch rückblickend war es so. Denn jeder Kontakt nach außen, war geprägt von meinen quälenden Gedanken. Sie ließen mich nicht los. Niemals. Und was mich letztlich dann erfüllte, waren nicht die Gespräche, während eines Treffens bei Kaffee & Kuchen, sondern mehr die Sicherheit, die ich gewann, wenn ich hier auf Kuchen & Nahrung verzichtet hatte. 

 

…auf der Suche nach – dem Weg. Von Freiheit, dem Loslassen – und dem Leben lernen.

 

Sie hielten mich auch davon ab, meine wahren Träume zu leben. Ich wollte schon immer lange unterwegs sein – losziehen, reisen gehen. Die Magersucht ist einer der (Mit-)Faktoren, dass ich diesen Wunsch nie umgesetzt habe. Denn ja, ich wollte zwar frei sein – doch die Vorstellung, unterwegs und somit raus aus all meinen Sicherheit-spendenden Strukturen (insbesondere Sport, Fitnessstudio, Ernährung) zu sein, machte mir so tiefgehend Angst, dass ich mich nicht davon lösen konnte. Und so enthielt ich mir den tiefsten Wunsch, den ich lange Zeit lang hatte. 

Heilung & die Kraft der Gemeinschaft.

Meine Essstörung war lange isolierend. Gemeinschaft war für mich – ein Ballast. Ich bin gern alleine, gerne für mich. Doch ich bin nicht gern einsam – und die Magersucht, sie macht mich einsam. Denn sie kapselt mich ab, von meiner Welt, durchtrennt mich von meinem Inneren, von dem, was mich w i r k l i c h glücklich und zufrieden macht. 

Ich habe in den letzten beiden Jahren eine Gemeinschaft erleben dürfen, die es mir ermöglicht hat, in ihr weiter wachsen zu können. Ich konnte Stück für Stück meine Kontrolle, die Sehnsucht nach Sicherheit aufgeben und dadurch endlich tieferes erfahren. Konnte Freude am gemeinsamen Kochen finden, gemeinsamen Mahlzeiten, die von Gesprächen begleitet werden, die mich auch mal von dem, was sich gerade auf meinem Teller befindet, ablenken durften. Ich durfte wieder neu lernen, als Mensch, der ich bin, etwas wert zu sein. Egal, wie dünn ich bin. Egal, ob ich überhaupt dünn bin. Egal, wie ich gerade aussehe, und ob ich damit ein Ideal erfülle. Diese Reise hierhin, war unfassbar schwer und bis vor zwei Jahren gefühlt so gut wie unmöglich für mich. Erst mein Umzug in meine neue (& aktuelle) WG und das Erleben einer ehrlichen Gemeinschaft auf Augenhöhe hat mich diesen neuen Wachstumsschritt innerhalb der Recovery aus der Magersucht heraus gehen lassen. 

 

Und ich bin so unfassbar dankbar dafür.

 

Kraft der Gemeinschaft – lernen, zu leben. 

Eine Ende von „niemals genug“? 

Meine Heilung soll ein Ende sein von „niemals genug“. Ich möchte erfüllt leben können, meine Ziele verfolgen können, ohne dass die quälenden Gedanken & Strukturen meiner Essstörung mich daran hindern und sie mir meinen Weg vorgeben.

Diese Zeit soll vorbei sein und mit dieser Entscheidung lasse ich heute einen weiteren Teil meines alten Selbst los. Ich vergleiche es mit dem Aussortieren an alten Klamotten, alten Hosen, die mittlerweile nun nicht mehr passen oder zu eng sitzen.

 

Lebensfreude ausstrahlen – unabhängig aller alten Muster & Strukturen. 

 

Sie gehören nicht mehr zu mir, meinem neuen Leben, meiner Heilung. Sie dürfen gehen. Ich muss nicht mehr in sie hineinpassen, und muss in diesem Sinne gar nichts mehr. Es ist befreiend, sich von so vermeintlich „kleinen“ Dingen zu verabschieden und sich ein und für allemal davon zu trennen. 

Manche Kleiderstücke, die ich habe, symbolisieren Sicherheit für mich. Sicherheit, weil ich eine Körper mit ihnen verbinde, den ich für „ideal“ und „korrekt“ halte, der jedoch nicht dem entspricht, das gesund & gut für mich ist. Diese Kleiderstücke zu behalten, wäre ein endloser Trigger, eines Tages doch wieder in sie hineinzupassen. Und dieser Trigger, er hält mich auf. Und würde dies auch noch mein Leben lang tun.

Der (Seelen-)Spiegel unterwegs.

Als ich für meine Knie-Rehab Touren in der Schweiz gewesen bin, fuhr ich viele Pässe, die ich schon seit Jahren kenne und auf denen ich in vergangenen Zeiten so sehr gelitten habe. Ich erinnerte mich hier daran, wie ich mich damals immer weiter gepusht habe, weil ich mir schon nachmittags ein Ankommen nicht eingestehen konnte. Wie ich auch nach mehreren Pässen am Stück nicht und niemals das Gefühl hatte, endlich ankommen zu dürfen. Wie ich Angst vor der freien Zeit hatte, wie ich mir selbst Erholung nicht gönnen konnte. Schlicht, weil ich mir selbst nicht traute. 

Im August, in meiner Auszeit, fuhr ich diese Pässe wieder. Und ich trainierte, was ich mir so hart erarbeitet hatte: die Freiheit, mich sein zu lassen, wenn es g e n u g war. Wenn ich zufrieden war. Wenn nicht eine Zahl am Tacho mir sagte, dass es g e n u g war, sondern das Gefühl, das ich im Herzen trug. Mein operierter Meniskus, er war hier mein bester Reminder & Trainer für einen achtsameren Umgang mit mir, meinem Stand der Heilung & meinem Umgang mit meinen eigenen Ressourcen. 

 

Vergangene Muster – neu erfahren. 

 

Diese Erfahrung, und was sie mir geschenkt hat, war nicht einfach. Bei den ersten Malen nagten Gewissensbisse, die Stimmen in meinem Kopf – eben darüber, dass es „nicht genug“ war, nur bspw. einen Pass zu radeln. Doch ich sprach mit ihnen, hielt sie aus. Nahm sie an.
Und wuchs dadurch. An ihnen & mit mir selbst. Und konnte endlich wieder ein Stück freier werden und alte, destruktive Muster brechen.

Was ist nun also Heilung für mich?

Ein Leben ohne Angst. Ein Leben, in dem ich mich darauf freue, Freizeit zu haben, ohne tagelange Angst vorab, was dann „geschehen“ könnte. Ein Leben, in dem ich frei sein kann, ungeachtet meiner Mahlzeiten am Tag die Dinge verfolgen kann, die mich gerade so sehr erfüllen, auch wenn es bedeutet, dass ich den ganzen Tag ohne Bewegung verbringen werde. Ein Leben, indem es kein „wenn und aber“ mehr gibt. In dem ich die Träume, die ich habe, endlich leben kann. In dem ich Visionen, die ich hege, weiterdenken kann. Ein Leben, in dem ich Mensch sein darf. Auch ohne Leistung zu erbringen. Ein Leben, in dem ich nicht weinend vor einem Butterbrot stehe, weil ich nicht weiß, wie ich es bestreichen soll. Ein Leben, in dem Essen mir Nahrung schenkt, mein Leben bereichert, zu etwas „Normalem“ gehört. Ein Leben, in dem gemeinsame Verabredungen zum Essen mir nicht Tage vorher schon Bauch- und Kopfschmerzen bereiten. Ein Leben, in dem ich darüber freue, wenn eine Freundin spontan mit leckerem Kuchen vorbeischaut. Ein Leben, das ein WHY braucht. 

Etwas, das ich vorher nicht kannte. Ein Leben ohne Zwänge im Kopf, ohne Denkmuster – ohne Panik & Angst, wenn Lebensmittel einem die Struktur im Tag rauben. Ein Leben, das lebenswert ist. Und das ich nicht mehr gehen lassen möchte. 

 

Heilung ist eine Reise. Ein Prozess. Ist so viel & ist doch so simpel ausgedrückt: 

…bedeutet endlich Leben für mich. 

 

 

An dieser Stelle sage ich einem ganz besonderen Menschen Danke:

Liebe Romy, Du hast mich in meiner Recovery in diesem Jahr bewusst & unbewusst einen unfassbar großen Schritt gehen lassen. Diese Zeilen sind auch Dir, Deiner Arbeit & Deinem Sein zu verdanken & ich danke Dir hier von Herzen dafür.

Wer ist Romy? Romy ist Recovery Coach für Essstörungen und ihr findet bei Interesse ihr wundervolles Wirken auf ihrer Webseite sowie bei Instagram. Wir haben uns über unsere Blogs kennen gelernt und ich kann Euch daher aus Überzeugung und unbezahlter Werbung heraus Romy`s Kontakt nur ans Herz legen, wenn Euch ebenfalls die Themen der Heilung und Wege raus aus der Essstörungen beschäftigen und ihr den nächsten Schritt gehen möchtet.  Bei Fragen kontaktiert mich jederzeit via hej@heimatnomadin.com. 

Vom Losziehen wie am ersten Tag - auf BikepackingMeniskusrehab-Tour.

Schreibe einen Kommentar

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.