Styrkeproeven, Trondheim – Oslo 2017.

Herbst 2016. Es geht auf den Winter zu, ich habe mich gerade wieder von meiner Nervenentzündung erholt und scharre innerlich schon mit den Hufen – 2016 geht langsam aber sicher zu Ende und wie immer zu dieser Zeit überlege ich mir Dinge für das kommende Jahr.

Motivationsanreizer und Ziele um den Winter zu überstehen. Verdrängungsmaßnahmen, die mich davon ablenken dass sich die schönste Zeit des Jahres für lange, ausgedehnte Radtouren dem Ende zuneigt und ich vor allem geliebten Alpenpässen und hohen Bergen mit dem Rad erstmal mittelfristig Lebewohl sagen muss.

Was liegt da näher als sich doch gleich mal für den Styrkeproeven in Norwegen anzumelden –  ein Rennen, „die große Kraftprobe“ wie es auf deutsch heißt, das auf über 500 km und über 3000 Hm von Trondheim nach Oslo führt und einer der längsten und größten Radmarathons Europas ist.

Das juckt mich natürlich sofort. Zwar bin ich noch nie ein Radrennen gefahren, geschweige denn einen so groß besetzten Marathon – aber was soll`s, wenn schon, denn schon.

Frühjahr 2017. Es ist Anfang April und ich sollte eigentlich langsam nervös werden. Es sind noch nicht mal mehr zwei Monate bis zum Styrkeproeven und ich bin in diesem Jahr gefühlte und statistische 0 km geradelt. Alle Nase lang war ich laufend auf Trails unterwegs oder stand auf den Skatingski und bin auf meiner liebsten Schwarzwaldloipe auf den Feldberg gelaufen. Aber radelnd auf dem Rad gehockt – Fehlanzeige. Ich zweifle noch ob es wirklich eine gute Idee mit bisher „so wenigen“ Trainingskilometern gleich ein so langes Rennen zu fahren – aber es wird schon gelingen. Einfach radeln, eben so wie einem die Beine sind.

Juni 2017. Kurz vor Abfahrt wird es nochmal ziemlich stressig. Wie immer viel Notdienst, daneben noch irgendwie möglichst viel radeln, die Doktorarbeit nicht ganz links liegen lassen, den Bulli reisefertig machen und das Rad rundum erneuen. Einen Tag vor Abfahrt nach Norwegen ist endlich alles erledigt – alles hat gerade so gepasst und ich könnte jetzt wochenlang schlafen – der Gedanke an die Nachtfahrt am Styrkeproeven stimmt mich zugegebenermaßen schon etwas müde.

Gemeinsam mit meinem Dad und dem Bulli geht es also eine Woche vor dem Styrkeproeven los nach Norwegen.

Wir wollen neben dem Ereignis des Rennens mit dem Bulli 2 Wochen lang Norwegen erkunden, in den Tag hineinleben und so viel wie möglich von diesem herrlichen Land sehen.

 

Trainingssausfahrt über die Hochebenen Norwegens.

 

Der geliebte Bulli klettert tapfer und treu jeden Kilometer ohne zu Murren.

 

16. Juni 2017. 22.20 Uhr. Start in Trondheim. Nachdem wir schon eine Woche in Norwegen unterwegs waren und jeden, wirklich jeden Tag herrliches Wetter hatten und ich die Zeit gut nutzen konnte um noch ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen, hat es heute Nachmittag pünktlich zum Start in Trondheim angefangen zu regnen. Ungemütlich. Es schüttet und stürmt, dann nieselt es wieder nur und dann folgt schon der nächste Schutt. Typisch Norwegen eben.

Ich habe alles an Klamotten dabei was geht. Die Satteltasche ist voller gepackt als eigentlich gewollt, aber der Gedanke daran, klatschnass von der Hochebene des Dovrefjells nicht in ein langes, warmes und trockenes Trikot eingepackt zu sein lässt mich auf Gewichtseinsparungsmaßnahmen verzichten.

Gleichzeitig ist die Tasche voll mit eigenem Proviant – schon aus Berichten habe ich rauslesen können dass die Verpflegung während des Rennens teils etwas dürftig ist. Und vegetarisch – bzw. veganfreundlich schon gar nicht.

Nur von Bananen leben ist auch keine Option, daher schmiere ich mir selbst noch ein paar Stullen und stopfe sie zusammen mit Nüssen, Feigen und Riegeln in die letzte Ecke meiner Satteltasche.

 

Trondheim, kurz vor dem Start.

Im Regen geht es also endlich los. Ich freue mich einfach nur noch und bin froh dass ich hier bin und das Ganze nicht abgeblasen habe. Es wird schon schiefgehen.

Das Starterfeld ist ein bunter Mix aus allen möglichen Ländern. Schon am Campingplatz hat man deutsche Mitfahrer getroffen, darunter auch Michael und seine Frau Birgit, die mir während des Rennens sehr ans Herz gewachsen sind. Danke an euch für die Fotos und die regelmäßigen guten Worte und kleinen Treffen auf der Strecke! Es hat Spaß mit euch gemacht!

Der Startschuss fällt und unsere Teilnehmergruppe macht sich auf den Weg. Einstimmiges Klicken der Pedale, sausende Lager. Gemeinsam kurbeln wir raus aus Trondheim, immer der E6 Richtung Oslo folgend, alles ziemlich entspannt.

Straßenschilder mit der Aufschrift „Oslo 540km“ zeigen einem überdeutlich was noch vor uns liegt.

Es geht gleich auf den ersten 150km rauf aufs Dovrefjell, das mit über 1000 Höhe über NN den höchsten Punkt des Rennens bildet. Gut dass man im Regen stetig bergauf zu fahren hat – so bleibt einem wenigstens warm.

Schon bald habe ich einen kleinen Pulk Dänen hinter mir im Windschatten. Sie scheinen sich dort ganz wohl zu fühlen und weil ich einfach nur meinen Rhythmus fahren möchte ziehe ich sie eine Zeit lang mit. Es ist schön mit allen möglichen Leuten aus unterschiedlichen Ländern in Kontakt zu kommen – für mich, die ja sonst oft alleine und für sich fährt mal eine ganz neue Erfahrung.

Nach ein paar Stunden komme ich oben am Fjell an. Der Regen hat aufgehört, nur der Wind bläst mir noch von vorne ins Gesicht. Mir scheint die Sonne in den Nacken – und das bei 3 Uhr in der Nacht. Norwegen fasziniert mich jede Sekunde aufs Neue. Die Weite des Fjells, die Berge, die Ruhe und vor allem die Einsamkeit sind einfach magisch. Nach einer langen, kalten und wieder nassen Abfahrt wird die Landschaft wieder grüner, dafür aber auf Dauer auch immer eintöniger.

 

Sonnen“aufgang“ am Dovrefjell

 

Kurz vor der Abfahrt ins Tal – Zeit für warme und trockene Klamotten

 

Halbzeit (fast)! 🙂

 

Da das Rennen hauptsächlich auf der E6 – der Hauptverbindungsstraße zwischen Trondheim und Oslo – verläuft und teils Autobahncharakter hat, ist es manchmal eine echte Qual bei dem Verkehrsaufkommen nicht die Nerven zu verlieren.

Gott sei Dank weicht die Rennstrecke immer wieder auf ruhigere Landstraßenabschnitte aus, was das Ganze erträglicher macht. Zu kämpfen habe ich persönlich auch damit, dass das Ganze sehr flach ist und prinzipiell einfach nur „gerade“. Keine Serpentinen, keine kurvigen Straßen, keine knackigen langen, zweistelligen Steigungen. Wenn es Steigungen gibt, dann meistens in Form von kurzen „Laktathügeln“, die einem gepaart mit Gegenwind jedes Körnchen aus den Beinen ziehen.

 

Streckenverlauf

 

Zwischen 100 km im Alleingang und fiesestem Gegenwind finde ich zwischendurch zum Glück auch immer wieder nette Grüppchen mit denen ich gemeinsam fahren kann. Man spendet sich gegenseitig Windschatten und schnackt ein bisschen um sich von den endlosen Kilometern abzulenken.

Faszinierend sind auch immer wieder die „Rekordgruppen“ die an uns vorbeirauschen. Eben die, die das Rennen in bestimmten Zeiten schaffen wollen (mindestens unter 16h) und mit Begleitfahrzeugen und aller Profiausstattung ausgerüstet sind. Anhalten kommt für sie nicht in Frage – gepinkelt wird scheinbar am Rad. Ich frage mich kurz was die Frauen wohl machen..

Das Wetter ist seit der Abfahrt runter vom Fjell einfach nur perfekt. Die Sonne strahlt von einem blauen Himmel und es ist herrlich warm. Kurz/Kurz-Wetter also. Jetzt wünschte ich mir eine minder leichtere Satteltasche und beneide diejenigen, die all ihr Zeug in ihre Begleitautos stopfen können.

Aber gut, ganz der Randonneurseele entsprechend geht das auf meine Kappe, da ist mein Dickkopf auch zu groß, mein Zeug schleppe ich dann schon selber ins Ziel. Und so rollen die Kilometer ins Land. Das Ende zieht sich, der Rhythmus wird einem immer wieder durch kurze, knackige Anstiege genommen und kosten Kraft und Nerven.

Doch endlich bin ich an der letzten Verpflegungsstation angekommen, von der es nur noch 50km bis nach Oslo sind. Diese 50km fahre ich größtenteils gemeinsam mit Michael, den ich hier wiedertreffe und zwei Holländern, die er während der Fahrt kennengelernt hat.

Ab hier wird es nochmal richtig spaßig. Mit allen Körnern die wir noch haben preschen wir am Ende nochmal jeden Anstieg und jedes kleine Knippchen hoch, liefern uns auf der gesperrten Autobahn und den Tunnels der Stadt nochmal einige Rennattacken und freuen uns gemeinsam auf die baldige Ankunft. Unglaublich, was der Körper auch nach über 20 h und über 500km auf dem Rad noch an Reserven hat.

Es macht nochmal richtig Spaß sich auszutoben.

Und so kommen wir schneller als gedacht endlich im Ziel an. Dort kann ich auch endlich meinen Dad begrüßen, der mit dem Bulli den langen Weg von Trondheim nach Oslo gemacht hat und schon am Campingplatz alles eingerichtet hat – damit es dort nur noch heißt: duschen und ab ins Bullibett!

 

 

Prost! Cheers! Gutn! 🙂

 

543 km und 3627 Hm liegen hinter mir, gut einen Tag lang war ich unterwegs. Geschafft! Glücklich! Zu meiner großen Überraschung erfahre ich dann noch dass ich mit meiner Zeit sogar den 4.Platz in meiner Altersklasse geschafft habe – für mein erstes Rennen überraschend gut. Das macht die Freude natürlich noch ein Stückchen größer und lässt mich am Tag drauf die Pizza, den Kaffee und das Bier in Oslo noch ein Stückchen mehr genießen.

 

 

Spaziergang zu Pizza, Bier & Kaffee mit Blick auf den Oslofjord. Ausspannen!

 

Die Woche danach. Wir erkunden von Oslo ausgehend noch weiter Norwegen und fahren dorthin wo es uns gerade hinzieht und am besten gefällt, gehen wandern und ich genieße noch eine Ausfahrt mit dem Rad in der herrlichsten Mitternachtssonne. Wir sehen den Kjeragbolten, unfassbar schöne Hochebenen und Berge, das Meer, Fjorde und Bergseen mit schwimmenden Eisschollen. Norwegen hat mich ziemlich gefangen genommen – ein Land das ich unbedingt nochmals sehen muss. Entweder zu Fuß oder per Rad oder wieder mit dem treuen Bulli, wer weiß.

Hauptsache bald wieder!

 

Folgend noch ein paar Impressionen die einfach für sich sprechen.

 

 

 

Auf dem Gaustastoppen, Telemark.

 

Mitternachtsradeln auf der Straße zum Lysebotnfjord.

 

Norwegische Hochebene. Einsamkeit!

 

Lysefjord.

 

 

Straße Richtung Lysebotn

 

Abendliches Radeln am Telemarkkanal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebenswege - Das Leben ist eine Reise.
Between the doors.

2 Replies to “Styrkeproeven, Trondheim – Oslo 2017.”

  1. Faszinierend und Du hast meinen vollsten Respekt. So unbekümmert und „untrainiert“ das Ganze zu meistern, Hut ab. Und ja, Norwegen …… <3

    Grüße Andreas

    1. Vielen Dank Andreas! Ja Norwegen – eine Liebe! Am liebsten würde ich sofort wieder hin, oder sowieso ganz dableiben.. 😉

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