Wer wir sind – wenn nicht Wir.

Und wenn du die Wahrheit erfahren hast,

wirst du wissen,

dass alle Lebewesen meine Teile sind

– und dass sie in Mir ruhen und Mein eigen sind.

Bhagavad-Gîta 4.35

 

2019 ist Geschichte. Vergangen. Ein neues Jahr liegt hinter mir, ein Jahr, in dem soviel so lief, wie es nicht sein sollte – und es doch, genau jetzt, genauso alles ganz richtig war.

In einer Auszeit zu Beginn von 2020 – in meinen geliebten Bergen und mitsamt dem Bullibus & Bike – wurde mir genau dies ganz deutlich bewusst. Und ich möchte diese Gedanken teilen. Um Kraft zu schenken. 

2019 war Wandel, Wachstum und pure Anstrengung gleichermaßen. Es stellte mich nicht nur beruflich und körperlich, sondern auch mental auf eine harte Probe – und mir blieb eigentlich nicht viel über, als diese anzunehmen, zu akzeptieren und anzugehen. Eine Probe, die mir im jeweiligen Moment vielleicht noch so unfair und sinnlos vorkam, die mir aber nun, rückblickend, genau den Schub gegeben hat, den ich so sehr benötigt und nach dem ich unbewusst schon so lange gezehrt hatte.

 

Fokus & Rückschau zu Beginn von 2020. 

 

Es ging nicht nur darum, den Schritt des beruflichen Wandels und der Akzeptanz der Hintergründe zu wagen und nicht nur darum, meine Knochen langsam wieder heilen zu lassen. Es ging nicht nur darum, einen erneuten Umzug zu bewältigen, wieder ein neues Zuhause zu finden und sich erneut etwas Neues aufzubauen. Es ging nicht nur darum, sich finanziellen Nöten und Existenzängsten zu stellen.

 

Es ging vor allem darum, sich mental wieder voll und ganz auf sich verlassen zu können und es aus tiefstem Herzen auch zu wollen – ohne Netz und doppelten Boden sowie ohne neue Abhängigkeiten.

2019 stellte mir explizit die Frage, wie viel ich mir – in all dem, was ich bin, wirklich wert bin. Fernab von all den Dingen, die mich scheinbar über Jahre ausmachten, durfte ich mir die Frage stellen, wer ich bin, wenn ich nicht ich bin. 2019 stellte mir diese Frage ohne Rücksicht auf Verluste – und ich konnte verlieren, ja, ich hatte sogar viel zu verlieren. Allen voran – mein Gesicht vor mir selbst und meine mentale Stärke. Und Gesundheit.

 

Wie geerdet bin ich wirklich – wie sehr kann ich mich wirklich von mir selbst tragen lassen?

 

All die Dinge, an denen wir uns festhalten, über die wir uns definieren – sie können uns eines Tages genommen werden. Von jetzt auf gleich, von hier auf jetzt. Dinge wie unsere körperliche und mentale Konstitution, unsere Familie, unsere Freunde, unsere Hobbys, unser Arbeitsplatz – all das, was vergänglich ist, kann uns eines Tages fehlen. Doch was kommt dann?

 

2019 war das, was ich jetzt vielleicht als „Game-Changer“ benennen würde. Das Spiel des Lebens, unser Schulungsplanet Erde – lässt uns immer wieder wandeln und wachsen, unaufhörlich. Wir können dies nur, wenn wir die Herausforderungen suchen – oder uns von ihnen finden lassen. Was auch immer uns das Leben stellt – hat seinen tieferen Grund. Dies schon zu Beginn von 2019 zu glauben, hat den Wachstum letztendlich erst möglich gemacht. Wenn die Dinge passieren – grundlos – dann können wir daran nur eines, nämlich zerbrechen. Wenn die Dinge passieren – aus Gründen – dann können wir daraus lernen, wir auch immer diese Lehren aussehen werden.

Aufwachen und Erkennen – kann oftmals so schwer sein, weil es oftmals auch einfach sehr weh tun kann. Wenn wir aufwachen, sehen wir klar. Wenn wir erkennen, nehmen wir wahr. Wir nehmen uns wahr, wie wir funktionieren – in dieser Welt. Und nehmen vor allem auch unsere Welt wahr, wie sie mit uns funktioniert.

Somit fragen wir uns, in wie weit „Funktionieren“ eigentlich unser Sinn des Lebens sein soll.

Und sein darf.

 

Aufwachen – um unser Leben zu erkennen. Erkennen – um endlich unser Licht zu sehen. 

 

Ich durfte mir die Frage stellen, wer ich bin, wenn ich nicht „ich“ bin. Die Definition meinerseits von mir selbst hing lange ab von Leistung, von meinem Körper, meinem kranken Selbstbild, das ich tagtäglich aufrecht erhielt und auch aufrecht erhalten musste – um in dieser Welt zu funktionieren. Mental & Körperlich.

Geprägt von alten Idealen, dem Streben nach Mehr, dem Streben nach Leistung bis hin zur Selbstaufgabe war lange das Bild, das ich von mir selbst hatte – und das ich lebte, in jeder Minute, jede Sekunde. Als Perfektionist ist es „ein Leichtes“ in dieser Schiene gut zu rotieren, doch war mir schon lange klar, dass es einen letzten Schritt raus aus dieser Abhängigkeit geben musste – hatte ich mich doch schon über Jahre so gut aus dieser Konstellation heraus manövriert und mir dadurch so viel Freiheit zurück erkämpft. Es war wie ein gezügeltes Geißeln – ein unbewusstes, noch andauerndes Hängen an diesen Mustern und alten, destruktiven Denkweisen. Es musste noch mehr geben – und es durfte noch mehr geben. Als das. 

Doch wie der Mensch eben ist – er bleibt in seiner Komfortzone. Wenn er nicht muss, wird er nicht. Wenn ich nicht gemusst hätte – hätte  ich mich diesen letzten Abhängigkeiten auch nicht im vergangenen Jahr gestellt – wenn es 2019 nicht einfach so gewollt hätte.

Mir die Bewegung zu nehmen und somit die Möglichkeit, die von mir für meinen Seelenfrieden so dringend nötige Leistung zu vollbringen, im Keim zu ersticken, war der Startschuss dafür, dass ich mich damit auseinander setzen musste, wie gesund und mental stark ich gegenüber meinen alten Idealen und Selbstbildern wirklich war.

 

Hand aufs Herz – in dem Moment, in dem du dich wirklich selbst ansiehst.

 

Und ich musste erkennen, dass ich daran noch arbeiten durfte – und musste, wenn ich mein Leben wirklich frei und unabhängig von diesen krankhaften Ideale weiterführen wollte.

Wenn man diese Dinge erkennt, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg. Denn jeglicher Halt, so banal er auch gewesen sein mag, bricht einem entzwei. Und hinterlässt zunächst einmal nur noch – einen gefühlten Scherbenhaufen. Wenn das, wofür man Jahre tagtäglich – bewusst oder unbewusst – gelebt hat und wonach man sich gerichtet hat, entfällt, entsteht ein Loch, tiefer, als man sich jemals vorher hätte ausmalen können.

 

Ich wollte dieses Loch stopfen. Mit Leistung. Mit alten Mustern. Mit neuen Regeln. Mit Sicherheit. Mit Dingen, die mich schnell wieder erfüllten.

Und ich musste feststellen – dass dies nicht die Lösung sein konnte. Denn es wäre eine neue Abhängigkeit. Vergänglich.

 

 

Was musste ich also tun? Ich musste lernen, mich selbst wieder wirklich & nachhaltig zu erfüllen.

Mir sagen, dass ich „ich“ bin. Immer noch. Auch ohne alles. Ich in meiner Ganzheit, in dem was ich eben bin, bedingungslos. Musste mir sagen und darauf vertrauen, dass ich mir nicht mehr weh tun kann – und ich nicht mehr flüchten muss. Niemals mehr.  Zu akzeptieren, dass ich ich bin, und niemand anderes – mir einzugestehen, dass es Okay ist, ich zu sein. Gut zu mir zu sein. Zu realisieren, dass alles andere keine Lösung mehr sein kann – glich einer Befreiung und einem weiteren Meilenstein in der schon seit Jaren andauernden Heilung meiner Magersucht und der damit verbundenen, vergangenen Depressionen.

Wenn ich die Person bin, der ich am meisten misstraue, die sich selbst am meisten geißelt – wie lange muss ich dann noch vor mir selbst flüchten? Wenn ich die Person bin, die sich selbst am wenigsten Liebe schenkt, wie soll ich dann Liebe überhaupt jemals irgendwem schenken? Wenn ich die Person bin, die sich selbst am wenigstens akzeptiert, wie soll ich dann in voller Akzeptanz zu meinen Mitmenschen leben?

 

2019 hat mir gezeigt, dass ich aufhören darf, zu rennen. 2019 hat mir gezeigt, dass ich beginnen darf, bei mir selbst zuhause zu sein. Es hat mir gezeigt, dass mein Körper wie er ist, gut so ist. Mir gezeigt, dass ich mir selbst gegenüber dankbar sein darf.

 

 

Das vergangene Jahr hat einen weiteren Keim der Heilung gesät, der dieses Jahr nun endlich geerntet werden darf. Wir dürfen heilen – egal, in welchem Bereich wir heilen müssen. Wir dürfen uns Heilung schenken, dürfen akzeptieren, wer wir sind und wie wir sind. Wir dürfen aufhören, uns zu vergleichen, uns zu mindern, uns permanent so schlecht zu reden. Wir dürfen vor dem Spiegel stehen – und lächeln. Weil wir bei uns sind, dort, zuhause. Wo wir wirklich wir sein können.

Nichts in dieser Welt wird uns jemals die Zeit zurückbringen, die nur wir uns selbst schenken können. Nichts in der Welt wird uns jemals so sehr das schenken können, was nur wir uns selbst auch geben können.

 

 

Die Dinge, die geschehen sind, sie hatten einen Grund. Einen Grund, für den ich dankbar bin und den ich teilen möchte. Im Teilen meiner wachsenden Freiheit, meiner Arbeit, meiner neuen Abenteuer, mit dem Teilen inspirierender Gedanken, dem Schaffen von Impulsen, dem Schenken von Akzeptanz & Liebe.

 

Die Dinge, die geschehen sind, sind einzigartig & wertvoll. So wie wir. So wie du. Und so wie ich.

 

 

 

 

Mentale und psychische Erkrankungen sind real – auch wenn wir sie nicht offensichtlich sehen können. Menschen leiden – still. Menschen funktionieren – heimlich. Wir dürfen nicht verschweigen, was doch direkt vor unseren Augen liegt.

Lasst uns darüber sprechen – Offen, ehrlich. Was auch immer uns beschäftigt, hat seinen Grund. Wonach wir streben, sollte uns gehören – und niemandem sonst. Lasst uns ehrlich sein. Verletzlich. Nahbar. Lasst uns füreinander da sein. Mit dem Herzen. Lasst uns hinschauen, wenn wir wahrnehmen, dass alles um uns herum scheinbar nur noch funktioniert. Lasst uns dafür einstehen und uns den Mut schenken, dass es Okay ist, wir zu sein.

Wenn unsere Worte auch nur ein klein wenig Hoffnung schenken

– dann ist schon allein dies ein ganz großes Geschenk.

Denn Hoffnung ist der Anfang – und lässt alles andere immerzu folgen.

 

Facing & balancing my elements - Pläne für 2020.
Eifel Graveller 2019 - Back on track to keep on pushing. snacking. & cycling.

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