Trail du Petit-Ballon 2017.

„Keeping family in mind & heart conquers any distance“

Es ist Sonntag und irgendwie viel zu früh am Morgen. Selten hat mich mein Wecker so sehr gestört wie heute. Obwohl heute endlich der Tag ist auf den ich jetzt so lange hingefiebert habe seit ich in einem verrückten Moment den 52 km langen Lauf in den Vogesen genannt habe brauche ich heute früh doch etwas länger um das jetzt zu realisieren. Endlich Renntag!

Der französische Lauf Trail du Petit-Ballon verläuft von Rouffach im Elsaß durch die Weinberge hoch in die Berge, größtenteils geht es dort auf wurzeligen, steinigen Trails stetig bergauf und immer dem Petit-Ballon entgegen – meinem absoluten Lieblings – und auch irgendwie Schicksalsberg in den Vogesen. Manchmal hat man ja so Berge mit denen man persönlich etwas verbindet – mit dem Petit-Ballon ist das bei mir genau der Fall. Wahrscheinlich hat mich der Lauf gerade deshalb so angezogen. Und natürlich die Tatsache mal wieder was Neues auszuprobieren um weitere Grenzen auszuloten und diese weiter nach rechts und links zu stecken. 

Darum geht der Wecker heute früh also um kurz nach 5 Uhr. Aufstehen, in Ruhe frühstücken – traditionell und wie jeden Tag das Wunderporridge aus Hirse, Quinoa, Banane, Birne, Hanfsamen und Nüssen – und zu Ende packen. Dann schnell los – ab in den Bulli und auf Richtung Vogesen, endlich mal wieder! 

Powerfrühstück.

Streckenplan 52,6 km / 2310 Hm, Rouffach – Petit-Ballon & Retour

Doch die Vorfreude nimmt schon hinter der Grenze ein jähes Ende: Die Kühlerleuchte des Herrn Bulli leuchtet wie irre. Zusammen mit dem Fakt dass er die Tage mal wieder am tropfen war ist das wahrlich kein gutes Zeichen. Was tun? Es drauf ankommen lassen und im schlimmsten Fall liegen bleiben? Zurück rasen – so schnell es eben geht – und das Auto tauschen? Mit dem Risiko es nicht pünktlich zu schaffen und den Start zu verpassen? Im letzten Moment erwische ich noch die nächste Ausfahrt und kehre um, das Ganze ist mir zu heikel und der alte Motor des Guten dann auch zu wichtig um irgendeinen Schaden zu riskieren.

Also ab zurück und Auto tauschen. So schnell ich es dem Bulli zumuten kann trete ich ihn heimwärts. Der Arme. Kaum angekommen springe ich in den Panda – ein Glück dass er noch da ist und noch nicht verkauft ist bisher. Sonst könnte ich das Ganze jetzt vergessen. Beim Anlassen fällt mir ein dass ich mal hätte tanken sollen – egal, keine Zeit mehr. Die Zeit rennt. Ich düse los und kann am nächsten Kreisel direkt wieder kehrt machen. Das medizinische Attest (Pflicht bei Läufen in Frankreich, ohne welches man nicht starten darf) liegt noch im Bulli. Verdammt. Nochmal wenden, nochmal zurückhetzen. Also gut, dann kann ich jetzt auch noch das Tanken mit reinschieben, trocken fahren kann ich jetzt echt nicht gebrauchen. Der Adrenalinspiegel steigt ins Bodenlose. Hoffentlich schaffe ich es pünktlich! Ich möchte heulen.

Ich bin wirklich fanatisch was Pünktlichkeit angeht – das macht die Situation nicht besser. Der Panda und ich rasen Richtung Rouffach und ich habe Glück: die Parkplätze sind gut ausgeschildert, ich finde gleich einen Parkplatz und kann sofort meine Startnummer, das Finishershirt (gibt es tatsächlich schon hochmotivierend im Vorraus) sowie den Cremant abholen. Zurück am Auto packe ich den Rucksack zu Ende und mache mich auf den Weg Richtung Start. Den Berichten nach sollte man sich möglichst weit vorne aufstellen um das Schlange stehen an den ersten Weinberganstiegen zu vermeiden. Bei knapp 1.000 Startern scheint es dort immer einen unfassbaren Rückstau zu geben der einen am Laufen und Vorwärtskommen gleich zu Beginn hindert. Das würde ich mir liebend gern ersparen.

Am Start angekommen kann ich erstmal mit meinem fantastisch-gebrochenen Halbfranzösisch am Mikrofon einem der Organisatoren vor versammelter Laufmannschaft Rede und Antwort stehen – „oui oui c`est le prémiere temps“, „seulement un peu“, „oui oui allemagne“, – schnell weg hier, gleich als totaler Neuling geoutet, prächtig.

Aber egal. Das Läufervolk gefällt mir. Sowas entspanntes kurz vor einem Wettbewerb habe ich bisher noch nie erlebt – Pingelig, verkniffen, missgünstig dreinschauend – Fehlanzeige! Irgendwie kennt hier jeder jeden, das Ganze scheint eine kleine Welt für sich zu sein. Gefällt mir auf Anhieb! Diesen Eindruck werde ich auf dem kompletten Lauf auch nicht mehr los, die Atmosphäre und das gegenseitige Motivieren war wirklich genial. 

Um 9 Uhr geht es dann endlich los. Rund 1.000 Läufer machen sich auf Richtung dem Petit-Ballon. Während es bis zur ersten Verpflegungsstelle nach 10 km in Schauenberg noch teils auf Schotter- und Feldwegen durch die Weinberge geht, zieht es danach auf kleinen Wurzelpfaden weiter an. Es macht richtig Spaß. Das Tempo ist  zu Beginn noch hoch, jeder läuft was er kann. Wie soll ich das nur durchhalten? Beruhigend zu sehen dass nach ein paar km und den ersten richtig steilen Anstiegen das Tempo rausgenommen wird und keiner die Berge wirklich hochrennt (mal abgesehen von denen die zu jener Zeit in der das Mittelfeld am Petit-Ballon ankommt schon im Ziel gelandet sind). Nach 17 km die nächste Verpflegung in Osenbach – die im Prinzip letzte auf dem Weg zum Gipfel. Die Verpflegung lässt keine Wünsche offen – von Obst bis hin zu Kuchen, Käse, Salzgebäck, Trockenfrüchten und Salami findet wohl jeder Läufermagen genau das war er gerade braucht und verträgt. Die herzliche „Bewirtung“ der Franzosen macht das Ganze perfekt, kurze Orte zum Auftanken sind das. 

 Rettung für knurrende Mägen

Nach km 17 geht es endlich richtig in die Trails. Darauf habe ich gewartet. Wenn ich etwas nicht kann dann sind es schnurgerade Schottenpisten oder Forststraßen – grausam. Davon gibt es zwischendurch leider viel zu viele, gerade auf den letzten km. Ich hätte nichts dagegen gehabt diese flachen, öden km gegen ein paar wurzelige Höhenmeter zu tauschen, ich glaube ich wäre schneller gewesen. 

Umso schöner dass man jetzt den Berg hoch trippeln kann, nach rechts und links, jeden Schritt einzeln überlegen, springend, hüpfend, stolpernd. Herrlich! Ich könnte den ganzen Tag bergauf laufen und freue mich einfach nur noch.

Das Wetter hält sich zudem auch. Entgegen des angekündigten Sturms mit Regen kommt zwischen dichten Wolken auch immer mal wieder die Sonne hervor. Die Ärmlinge sind längst in den Brusttaschen verstaut und die Regenjacke schleppe ich die ganze Zeit umsonst mit mir mit, worüber ich mich in diesem Fall aber mal nicht beschweren will. Die Vogesen ohne Regen zu haben – vor allem wenn Regen gemeldet war – ist ein seltener Segen, den nehme ich gerne an. 

Km 29. Drei Schoepf und letzte Verpflegung kurz vorm Gipfel. Schnell ein paar Apfelspalten und Rosinen reingeschoben und weiter gelaufen, es ist neblig und deutlich kälter. Ich befürchte schon dass die grandiose Aussicht die man sonst von dort oben hat einem heute verwehrt bleibt. Der kahle kleine Belchen steckt in einer dicken Nebelwolke. Die letzten 3km laufen sich wie von selbst, oben hat es noch ein paar Altschneefelder die nochmal richtig Spaß machen und Abwechslung bringen. 

Am Gipfel sieht man außer Wolken wirklich nichts. Die Vorstellung zig aussichtsreiche Gipfelfotos zu machen verflüchtigt sich schnell wieder, leider. Wenigstens noch rasch die Statue der Maria fotografiert – das musste dann doch sein. Es zieht kalt, also geht es schnell wieder den Berg runter und auf den Rückweg. Rückweg, ich kann es kaum glauben. Ich habe nicht das Gefühl bisher 5h in den Beinen zu haben, es ging irgendwie schneller als gedacht, zumindest gefühlt. Der Kopf ist mittlerweile in seinem eigenen Tunnel. Das Denken ist längst eingestellt, stattdessen zählt jeder Tritt und der Moment. Nichts anderes mehr. Ein herrliches Gefühl. 

Den folgenden Downhill würde ich liebend gerne wieder gegen bergauf laufen tauschen. Während andere an mir vorbei den Berg runter hechten denke ich wohl zu viel an meine Knie. Zu sehr ist mir im Kopf wie wichtig mir ist dass ich sowas noch lange machen kann. Da nehme ich lieber etwas Tempo raus und laufe so sanft wie möglich den Berg runter – sofern das irgendwie überhaupt möglich ist. 

Nach dem langen Bergab auf Trails geht es wieder auf die Schottenpisten. Ein absoluter Graus. Die Kopfsache beginnt – einfach nur Laufen, Schritt für Schritt, einen Fuß vor den anderen. Ich nehme mir vor solche Passagen das nächste Mal einfach zu rennen – vielleicht macht es das ja angenehmer. Nur nicht unbedingt heute, muss es ja nicht gleich übertreiben, wer weiß was noch kommt. 

Km 43. Zurück in Osenbach gibt es die nächste Verpflegung. Noch 9 km. Wahnsinn. Ich realisiere langsam dass ich das jetzt wirklich gemacht und so gut wie geschafft habe! Glücklich schiebe ich mir wieder Äpfel, getrocknete Aprikosen und Rosinen rein und leere meinen letzten Roobar-Riegel, der einzige von den drei den ich wirklich gebraucht habe auf der Distanz. Gelobt sei mal wieder das geniale Traditionsfrühstück. Die beste Grundlage überhaupt. 

Die letzten 9 km sind gefühlt die längsten. Während die letzten ansteigenden Abschnitte wie von selbst gehen, lassen mich die Flachpassagen und jeder Meter auf Asphalt zurückfallen. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. Ebenso nicht für die letzten 3 km die Schotterwege und Teerstraßen runter nach Rouffach – es tut zum ersten Mal dann doch etwas weh. Egal. Zähne beißen und nochmal rennen, das Ziel ist so nah! In Rouffach geht es nochmal im Zickzack durch den Ort, überall stehen Franzosen und feuern einen an, rufen einem bei Namen zu und jubeln. Die Unterstützung von allen Seiten ist großartig! 

Und so schaffe ich es dann wirklich nach 7h 23min endlich ins Ziel. Glücklich kann ich noch meine Finisherweste entgegen nehmen und endlich durchschnaufen. Ich bin zufrieden – und im Geiste schon wieder am planen. Wo und wann ist wohl der nächste Lauf? – Ich bin infiziert! 🙂

Fazit: Ein toller Lauf mit super Teilnehmern, einer sehr guten Organisation und einer grandiosen und entspannten Atmosphäre! Gerne wieder, nur dann am liebsten mit mehr Trails, auf die Schottenpisten hätte ich gut und gerne verzichten können. Vielleicht bis nächstes Jahr. 

Belchen satt 2016.
Über mich.

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