Die Greina – Kraftquelle & Sehnsuchtsort.

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Es gibt Regionen dieser Erde, die mich schon lange, bevor ich sie wirklich gesehen habe, zutiefst berühren. Regionen, von denen ich wie intuitiv weiß, dass sie eine Art Kraftort für mich darstellen, dass sie in ihrem Sein so einzigartig sind, dass ich sie auf ewig in meinem Herzen tragen werde.

Es gibt Regionen dieser Erde, die mich schon lange, bevor ich sie wirklich gesehen habe, zutiefst berühren. Regionen, von denen ich wie intuitiv weiß, dass sie eine Art Kraftort für mich darstellen, dass sie in ihrem Sein so einzigartig sind, dass ich sie auf ewig in meinem Herzen tragen werde.

Die Greina – eine karge Hochebene auf 2200 Hm in den Schweizer Alpen – ist solch eine Region. Schon vor Jahren hatte ich sie beim Stöbern durch eine meiner zahlreichen Outdoormagazine entdeckt und seitdem hat mich der Wunsch, sie eines Tages zu besuchen, nie losgelassen. 

Nachdem in den letzten Jahren einige Versuche dort hinzukommen zwecks Zeitmangel oder schlechter Witterung (Massen an Altschnee) scheiterten, konnte ich mir im Herbst 2018 diesen Traum endlich erfüllen.

Es sollte der erste Trip mit dem Bulli sein, nachdem ich ihn den ganzen Sommer über aufgrund einer Pannenmisere während seines ersten Bullisharings hatte missen müssen. 

Es war wie immer – ich hatte den Kopf voller Ideen, voller Möglichkeiten, voller Ziele und eine mir viel zu kurze verfügbare Zeitspanne.

Träume von Momenten wie diesen – die beste Motivation um immer wieder loszuziehen.

Zumal ich es aufgrund der Arbeit auch nicht geschafft hatte, den Bulli pünktlich zum möglichen Abfahrtszeitpunkt fertig zu haben. Es war nichts gepackt, nichts geplant und entschieden zwischen all meinen Ideen hatte ich mich pünktlich zum Feierabend auch noch nicht. 

So ruhig ich dann bin, wenn ich erstmal unterwegs bin, so unruhig, nervös und nahezu gestresst kann ich vorher sein. Weil der ganze Kopf vor lauter Ideen und Vorstellungen gar nicht weiß, wo er mit sich hin soll. Weil all die Energie, die sich aufgestaut hat, endlich raus will.

Und weil ich eigentlich auch manchmal gerne erstmal schlafen würde, anstatt gleich vom Feierabend los auf Tour zu ziehen.

Da ich wusste, dass ich sowieso nach den ersten Kilometern auf der Autobahn schon einschlafen würde, entschied ich mich auch für das – jedenfalls für diesen Moment – Vernünftigste: Ich ging erstmal schlafen. Und schlief länger als geplant. Schlief so lange, dass ich dann gehetzt im Hellen aufwachte – Verdammt, ich wollte ja eigentlich schon längst unterwegs sein!

Bulli packen – und los. Manchmal einfacher gesagt als getan.

Wollte schon längst draußen sein, nur gewappnet mit meinem Rucksack und dem minimalsten Gepäck! Wollte schon längst raus sein aus der Enge des Hauses, raus aus dem Alltag. Wollte schon längst nur meinen Atem und das Rauschen von Bergbächen hören statt den Zügen hinter unserer Haustür in Freiburg. 

Ziemlich zerstreut wurde also kurzerhand der Bulli gepackt, das Rad aufgeladen, Kaffee gekocht und losgefahren. Wohin, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich immer noch nicht. Es war wie so oft meine eigene innere Zerissenheit, die es mir schwer machte, mich wirklich entscheiden zu können. 

Meine Spontaneität stand mir scheinbar mal wieder selbst im Weg.

Die Wettervorhersage sah für die Westschweiz eher bescheiden aus – die Ostschweiz versprach für einige Tage dagegen ein stabiles Hochdruckgebiet, weswegen ich also kurzerhand die Ostschweiz anpeilte. 

Und irgendwie, irgendwie kam mir während des Fahrens plötzlich diese Greina wieder in den Sinn.

Einsamkeit & Weite – genau das schien die Greina zu versprechen.

Ich schaute in die Straßenkarten und machte einige Orte aus, die ich anpeilen konnte, um zu Fuß in dieses Gebiet zu gelangen. 

Etwa gegen Nachmittag machte sich Hunger breit – vor lauter Reisefieber hatte ich das Frühstück ausgelassen und auf später verschoben. Aus gutem Grund, denn es gibt nichts Schöneres als auf Tour spontan anzuhalten, und sich im Freien erstmal sein eigenes 5* Frühstück zuzubereiten. 

Nach einem ausgiebigen Frühstück mittags um zwei fuhr ich weiter zum Ort Ilanz, der eine Art Knotenpunkt für Wanderung und Touren in die Greina darstellt.

Endlich unterwegs.
Zeit für spontane Päuschen.

Dort angekommen besorgte ich mir erstmal eine Wanderkarte und konnte mir ein paar gute Ratschläge vom wanderbegeisterten Verkäufer holen, der die Greina in- und auswendig zu kennen schien. 

Dank ihm fand ich einen traumhaften Stellplatz für den Bulli und mich, um die Nacht zu überstehen und um am nächsten Morgen gleich zu Fuß von dort in Richtung Greina aufbrechen zu können. 

Auf einer abenteuerlichen Fahrt auf der schmalsten Straße, die der Bulli je gesehen hat, ging es durch ein kleines Seitental und hin zum Fuß der Greinahochebene. 

Ich betete, dass uns kein Auto entgegen kam und uns kein Geröll aufs Dach knallte. In engen Serpentinen ging es auf einer halb verkommenen Teerpiste tiefer und tiefer ins Tal hinein, umgeben von Bergen und tosenden Bächen.  Nach den vollen Autobahnen war es einfach ein Traum. So sehr ich den Bulli liebe – so ungern bin ich auf den vollen Straßen unterwegs. 

Sehne unterwegs jedesmal immer nur ein Ankommen in solch einer Stille wie dieser herbei. 

Am Talende fand ich ein Stellplätzchen an einem kleinen Stausee – und bekam hier meine lang ersehnte Ruhe und Stille. Fix und fertig packte ich meinen Wanderrucksack für die nächsten Tage fertig und legte mich schlafen. Umgeben vom Wasserrauschen, einem unglaublichen Sternenhimmel und der puren Einsamkeit konnte ich das dann auch wie ein Stein. 

Am Morgen erwache ich mit einem strahlend blauen Himmel. Die angekündigte Hochdrucklage ist endlich angekommen und verspricht 2-3 Tage wunderbare Tage. 

Es ist noch nasskalt als ich loslaufe, der Atem dampft und mit jedem Schritt wird der Kopf endlich freier. Alle Überlegungen, alle anderen Optionen, alle Zweifel – sie fallen nach und nach von mir ab. Ich realisiere langsam, dass ich gerade tatsächlich gerade dabei bin, mir den Wunsch, diesen Sehnsuchtsort endlich zu erkunden, zu erfüllen.

Es geht schon nach einigen Kilometern steil den Berg hoch. Auf einem engen, steinigen Pfad, der sich in Serpentinen immer weiter hoch Richtung der Greina zieht, werde ich mit jedem Schritt bergwärts glücklicher. 

Dieses Gefühl, wenn man nur mit sich und seinem wenigen Gepäck alleine ist, ist unbezahlbar. Wenn man immer wieder aufs Neue realisiert, wie wenig man wirklich zum Leben braucht.

Wenn man sich immer wieder aufs Neue darin bestätigt fühlt, dass die Art und Weise, wie man sein Leben gestaltet und lebt, die Richtige ist. 

Wenn man frei wird von allen Zweifeln und Irrglauben.

Weite im Herz – Stille im Kopf.

Die Greina bietet einem einen unfassbaren Raum für Erkenntnisse und Gedanken wie diese. Sie ist ein unglaublicher Kraftort, den man mit Worten kaum beschreiben kann. Hat man die Hochebene auf 2200 Hm erreicht, fühlt man sich innerlich weit und befreit. 

Die Hochebene breitet sich hier auf 1 km Breite und 6 km Länge zwischen den mächtigen Schweizer Berggipfeln aus und bietet Ruhe, Einsamkeit und pure Ursprünglichkeit. 

Ich nehme mir Zeit, sie zu durchqueren, biege rechts und links ab, lasse mich leiten von all den Eindrücken, die diese Landschaft bietet. 

Es fehlt nicht viel und ich würde mich eher im skandinavischen Fjell wähnen statt hier in den Schweizer Bergen, quasi direkt vor meiner Haustür. Meine Route gestalte ich relativ frei, da ich keinen festen Plan für die nächsten Tage habe und lasse ich es mir frei, wie ich diese Hochebene erkunde. 

Unterwegs treffe ich am ersten Tag niemanden.

Erst als ich auf der Scalettahütte, auf der ich dann auch übernachte, ankomme, treffe ich auf die ersten Menschen. Da die Greina geschützt ist, ist hier Zelten strikt verboten. 

Auch wenn ich lieber mit dem Zelt und unabhängig von den Hütten unterwegs bin, halte ich mich daran.

Daher verbringe ich die erste Nacht auf der Scalettahütte, die einfach nur wunderschön ist. Die Lage und der Ausblick, den man von dieser Hütte aus hat, ist einzigartig. Die Bilder sprechen für sich.

Abends sitzen wir in einer kleinen Anzahl von 8 Wanderern beim Abendessen zusammen. Man wird sich auch am nächsten Tag abends wiedersehen und so sehr ich meine Einsamkeit tagsüber genossen habe, so schön ist es jetzt, die ganzen Eindrücke dieser faszinierenden Hochebene teilen zu können. 

Am nächsten Tag schaue ich nach einem ordentlichen Schweizer Frühstück mit Müsli und frisch gebackenem Brot zu, dass ich mich schon früh auf den Weg mache. 

Während einige weiter in Richtung dem Lukmanierpass ziehen, laufe ich zurück und begebe mich an mein spontanes neues Abenteuer, das ich den vorherigen Abend ins Auge gefasst hatte: den Piz Terri. 

Da ich vom Hüttenwart gehört hatte, dass es auch zu dieser Jahreszeit noch möglich sein soll, den 3149 m hohen Berg zu besteigen, lässt mich diese Idee natürlich nicht mehr los. 

Weil der Weg hinauf zum Gipfel in meiner Wanderkarte nicht eingezeichnet ist, bedarf es etwas Improvisation, um den Einstieg nahe der Motterasciohütte zu finden. 

Auf blau-weißen, teils mehr schlecht als rechten Wegmarkierungen folge ich dann endlich der Route gipfelwärts. 

Schon von Anfang an gestaltet sich der Aufstieg als ziemliche Kraxelei, oft tun sich Zweifel auf, ob ich das Projekt wirklich durchziehen soll, bin ich ja auch immerhin alleine unterwegs.

Doch ich versuche es immer weiter, Schritt für Schritt. 

Auf der Höhe eines Passübergangs auf ca. 2700 m fällt es mir erst schwer, den weiteren Weg zu finden, der teils durch Neuschneefelder verdeckt ist. Der Piz Terri weist auf seinem Westgrat viel Schiefer und Schutt als Belag auf, was den Aufstieg erschwert und mit dem Neuschnee der vorangegangen Tage teils glitschig und unsicher macht. Die Neuschneefelder beginnen langsam durch die Wärme der Sonne zu schmelzen und flößen mir nur geringgradig Ruhe beim Aufstieg ein. Ich hoffe inständig, dass sie sich bis zum Abstieg halten und nicht noch rutschiger werden.

Die Kraxelei geht weiter den Berg hinauf. Immer wieder muss ich anhalten um die immer grandioser werdende Sicht zu bestaunen – mit jedem Höhenmeter wird meine Sicht über unzählige Berggipfel weiter und atemberaubender. 

Und endlich, endlich, kommt das Gipfelkreuz in Sicht. Ich bin überglücklich, auch wenn mich schon jetzt Bedenken um den Abstieg plagen. 

Denn die Schieferplatten, die hier den Westhang des Piz Terri bedecken, machen mir nicht gerade den sichersten Eindruck. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass ich ja nicht die Erste bin, die hier rauf – und auch wieder runter kommt und beginne, mich mit der Aussicht zu beschäftigen.

Die Ankunft oben am Gipfel ist unbeschreiblich und die Aussicht einfach nur spektakulär.

Ich wünschte, ich könnte ewig dort bleiben und einfach nur staunen, schauen und genießen. Kilometerweit blickt man über hunderte Gipfel hinweg, in alle Richtungen sieht man nichts als Berge und pure Weite. Es ist mehr als ein Traum.

Nach einer halben Stunde und einem Eintrag ins Gipfelbuch muss ich mich jedoch schweren Herzens wieder auf den Rückweg machen, immerhin wird der Abstieg noch einige Zeit in Anspruch nehmen und irgendwann gilt es ja eben auch, die nächste Hütte zu erreichen.

Und hätte ich hier vorher gewusst, wie abenteuerlich der Abstieg über den Glatscher di Terri sich gestalten würde, hätte ich ihn vielleicht auf einer anderen Route gewählt. Die mir vorgeschlagene Route, die sich am Rand des Sees unterhalb des Piz Terris entlang schlängelte, führte mich aufgrund der zahlreichen Neuschneefelder weg- und markierungslos bergabwärts. 

Es wurde ein endloses Wegsuchen, ein Hin- und Her, Vor- und Zurück und ein langes Beten darum, dass ich wieder heile den Berg runterkommen möge. Trotzdem musste ich immer wieder anhalten um diese unglaubliche Landschaft zu bewundern. Und um langsam zu realisieren, dass ich tatsächlich gerade meinen ersten 3000er im Alleingang bewältigt hatte.

Der Weg durch den Talkessel abwärts kostete mich einige Stunden und ich war überglücklich, als ich mich endlich wieder auf kleinen Wurzelpfaden schnee- und eislos auf dem Weg zurück in die Greina befand. 

Nachdem seit dem Frühstück ja mittlerweile einiges an Zeit vergangen war und sich nach dieser Bergbesteigung dann doch ziemlich der Hunger meldete, musste ich hier erstmal pausieren und etwas essen. 

Ein simples Wanderfestessen aus Nüssen, Trockenobst und einem Apfel zauberte mir hier nicht zum ersten Mal ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht. 

Pures Glück kann so einfach sein.

Etwa gegen sieben Uhr abends erreichte ich nach diesem langen, aufregenden Tag die Terrihütte. Den Plan, noch am Abend zum Bulli zurückzukommen, schoss ich relativ zügig in den Wind, denn es wurde langsam dunkel und der weitere Abstieg war nicht gerade ideal, um ihn in der Dunkelheit zu begehen.  Außerdem wollte ich einfach noch nicht aus dieser Hochebene heraus, ich wollte einfach nur weiter hier oben an diesem magischen Ort bleiben, um all die Eindrücke des Tages in Ruhe zu verarbeiten.

Wie erwartet schlug das Wetter am nächsten Tag um – nachdem es zwei Tage lang wolkenlos gewesen war, hingen in der Früh tiefe Nebel- und Wolkenfelder in den Bergen und brachten den ersten Regen. 

Ich machte mich auf den Weg hinab ins Tal zum Bulli – weitere Überlegungen die Tour nochmal zu verlängern oder eine Route zurückzugehen, verfolgte ich nicht weiter, so erfüllt und glücklich war ich von den vergangenen Tagen, die sich bereits jetzt wie eine Ewigkeit anfühlten. So wehmütig ich war, diesen Ort wieder zu verlassen, so dankbar war ich um all die Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich hier sammeln durfte.

Die Greina, dieser Kraftort, verfolgt mich bis heute. Sie hat mir in einigen schweren Stunden am Ende des Jahres 2018 eine innere Kraft und Zuversicht geschenkt, für die ich unglaublich dankbar bin.

Ich weiß jetzt, warum ich sie schon jahrelang wie instinktiv in meinem Herzen mit mir herumtrage, denn ich habe dort etwas gefunden, was mir, bis heute, eine innere Kraft und Ruhe schenkt, für die ich unglaublich dankbar bin.

Voller Vertrauen leiten lassen – & alles loslassen.

Es war wieder dieses einfache intuitive „Leiten lassen“ & loslassen, dass mich hierher geführt hat. Genau zur richtigen Zeit in meinem Leben konnte ich diesen magischen Ort voll und ganz erleben und genießen. 

Wie immer wünschte ich, ich hätte diesen Aufenthalt vielleicht mehr im Voraus geplant, um länger Zeit dort gehabt zu haben, doch wie immer weiß ich auch, dass diese Tage dort genau so sein sollten wie sie letzten Endes auch waren. 

Dass alles so sein soll, wie es passiert. Dass jeder Weg, so beschwerlich er auch sein mag, seinen Sinn hat. Und dass es sich immer auszahlt, wenn man ihn weiter verfolgt, wenn man nicht aufhört, an sich zu glauben. Dass es sich lohnt, wenn man den Mut nicht aufgibt und sich traut, seiner inneren Stimme und den eigenen Zielen und Träumen zu folgen.

Dass sich alles finden wird, zu seiner Zeit. Und wir uns auch einfach vom Glück finden lassen können.


Choices.

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